Visegrád

 In 2016, Ungarn

Montag, 18. April 2016
Fahrt nach Visegrád

Wie wunderbar es sich reisen und besichtigen lässt mit meiner kleinen „Bibel“, einem Heftchen mit 80 Seiten, „der offizielle Budapest-Guide“, den wir bereits im letzten Jahr an der Rezeption des Campingplatzes ausgehändigt bekommen haben. Von Sehenswürdigkeiten und Kultur bis hin zu Lifestyle so gut wie alles Interessante aufgelistet. Seite für Seite „ackern“ wir uns mit Vergnügen durch! Danke, liebes Ungarn, dass wir (ab 65 Jahre) kostenfrei mit Bus, Metro, Eisenbahn, Fähren von A bis Z reisen dürfen. Das verführt natürlich dazu, länger und länger zu bleiben und das Land und einige Städte mehr kennen zu lernen.

Unser heutiges Ziel war Visegrád auf der südlichen oder rechten Seite des Donau-Knies. Wieder schien uns die Sonne und es waren angenehme 25°. Das Übliche dann: mit Bus und Metro flink zum West-Bahnof.  Zum Glück sprach die Beamtin am Ticketschalter ein wenig Englisch, denn „Visegrád“ fanden wir auf der Abfahrtstafel der Züge nicht. Es stellte sich dann heraus, dass die Stadt eine Station auf der Strecke nach Szob war. Ein kleiner Fahrplan half uns weiter. Wir hatten noch eine halbe Stunde Zeit bis zur Abfahrt des Zuges und suchten im Bahnhof nach dem Warteraum der königlichen Familie. Er sollte ausgestattet sein mit teurem Interieur und Marmorsäulen. Tatsächlich fanden wir ihn, über der hohen Tür stand in goldenen Lettern der Wahlspruch des damaligen (ungarischen) Königs und (österreichischen) Kaisers Franz Joseph: Viribus Units, „Mit vereinten Kräften“. Leider war der Raum nicht zu besichtigen, da sicherlich nicht restauriert.

Mit vereinten Kräften

Mit vereinten Kräften

Das renovierungs-bedürftige Bahnhofsgebäude in Nagymaros

Das renovierungs-bedürftige Bahnhofsgebäude in Nagymaros

Mittlerweile war unser Zug angekommen und wir konnten einsteigen. Auch dieser Zug schien relativ neu zu sein, die Polster in den Abteilen der 2. Klasse waren modern und sauber. Gleich zu Beginn der Fahrt kam ein Fahrkartenkontrolleur, schaute kurz auf unsere Pässe mit den Geburtsdaten, nickte freundlich, sagte „köszonom“ (danke) und zog weiter. Es ist üblich, dass man im Zug Fahrkarten nachlösen kann. Das sorgt für eine entspannte Atmosphäre, da niemand Angst haben muss, ohne Ticket „erwischt“ zu werden.

Wieder fuhren wir durch hübsche Vororte, der Zug hielt nicht in jedem und so erreichten wir schon nach etwa einer Stunde unser Ziel: Nagymaros, Groß-Maros. Der Ort davor hieß: Kismaros, Klein-Maros. Der Bahnhof selbst wartet noch auf eine Restaurierung, erschien uns eher vernachlässigt und „schrie“ nach Farbe und Erneuerung. Aber das tut der Bahnhof in Malente auch! Ich hatte einmal an die Gemeinde Malente geschrieben und mich beschwert, wie es sein könnte, in einem „Kurort“ mit einer so ungepflegten Haltestelle zu „prunken“. Sofort kam ein Brief zurück und verwies an die Bahn, wo ja die Verantwortlichkeit  läge und die ja nichts täte …. So schiebt es der eine auf den anderen! Ich meine, dass man so nicht weiterkommt!

Nun trennten uns noch etwa 300 m UND die Donau von unserem Besichtigungsziel Visegrád. Die paar hundert Meter des Ortes Nagymaros durchschritten wir schnell. Hier war schon etwas getan worden, neu verlegte Steine auf der Straße, einige nett hergerichtete Häuser, eine kleine Bäckerei.  Der Ort ist eingebettet in die Hügel des Donautals, mitten im Grünen. Am Fluss gab es ein Ticket-Häuschen und die kleine Fußgänger- und Autofähre. Für uns – wie vorab erwähnt – war mal wieder „freie Fahrt“. Das Alter muss auch mal Vorteile haben … Ein LKW-Fahrer mühte sich ab, mit seinem großen Gefährt auf die Plattform zu fahren. Die Fähre bestand aus einer schwimmenden Plattform und einem daran vertauten Schlepper, das diese Plattform über die Donau bugsierte. Bei der Abfahrt konnten wir sehen, wie stark die Strömung des Flusses war, denn die Fähre holte in einem großen Bogen aus, gegen den Strom, um am Anlegesteg auf der anderen Seite zu landen. Das Ganze dauerte nur wenige Minuten.

Strasse vom Bahnhof Nagymaros zur Visegrád Fähre

Strasse vom Bahnhof Nagymaros zur Visegrád Fähre

Die Donaufähre Nagymaros - Visegrád

Die Donaufähre Nagymaros – Visegrád – links das Bugsierboot

Ob die Fähre das wohl aushält?

Ob die Fähre das wohl aushält?

Sie hält es aus, erstaunlicherweise!

Sie hält es aus, erstaunlicherweise!

 

Den Ort mochten wir sofort: eine schöne Promenade entlang der Donau befindet sich im Bau, der Blick, am Felsen hinauf zur alten Burg war vielversprechend. So spazierten wir auf der Hauptstraße entlang, Richtung Kirche mit barockem Turm durch Visegrad. Da es bereits nachmittags war und wir nur gefrühstückt hatten, legten wir eine Kaffeepause in einem niedlichen Café ein. Und was gab es da in der Auslage? Loriot’s berühmten Kosakenzipfel! Den musste ich unbedingt mal probieren! Für Frederick also „kalorienfreien“ Käsekuchen und für mich den Kosakenzipfel. Du lieber Himmel, mit Bitterschokolade überzogene Kakao-Buttercreme auf Bisquitboden, ganz schön heftig! Der Kuchen konnte mit dem englischen Dessert „Death by Chocolate“ (Tod durch Schokolade) gut mithalten. Wir teilten uns also lieber die Kuchen …

Loriot schien uns zu folgen. Kaum hatten wir das Café verlassen, da zuckelte ein Transportwagen an uns vorbei. Ein Klavier, ein Klavier …. wurde hier von A nach B gefahren. Schnell ein Foto!

Kosakenzipfel Kaffeepause

Kosakenzipfel Kaffeepause

Überfahrt geglückt

Alles gutgegangen – Überfahrt geglückt

Visegrád Kirche

Visegrád Kirche

Nun waren wir an der Kirche, schauten kurz hinein, eher schlicht als prunkvoll, aber schön. Uns fällt auf, dass die meisten Kirchen in Ungarn geöffnet und für alle Besucher zugänglich sind. Wir gingen weiter entlang der Donau, zum königlichen Palast oder besser gesagt, zu den Relikten aus den Jahren um 1323. Das Museum war geschlossen, wie so viele an einem Montag. Den Gebäuden lag ein origineller Kinderspielplatz gegenüber. Während der Saison werden im Sommer auch Ritterspiele in Visegrád (auf deutsch „Plintenburg“) veranstaltet.

Eingang zum Abenteuerspielplatz

Drei Ritter am Eingang zum Abenteuerspielplatz

Hier werden mittelalterliche Turniere veranstaltet

Hier werden mittelalterliche Turniere veranstaltet

Uns zog es nun ca. 300 Meter hinauf zur alten Burg, und wir folgten den eher schlecht zu interpretierenden Zeichen. Sicherheitshalber gingen wir entlang der Straße, die durch den Wald nach oben führte und kamen an uraltem Gemäuer vorbei, offenbar einem der Wehrtürme.

Unser Weg nahm kein Ende, wir wurden weit um den Berg herum getrieben. Der Vorteil war, dass es somit kein steiler Anstieg war, sondern ohne viel Autoverkehr gemächlich bergan ging. Nach 1 1/2 Stunden waren wir doch etwas verwundert, dass die Burg partout nicht in Sicht kommen wollte. Stattdessen landeten wir an einer Bob-Bahn und einem Ski-Abfahrt, wo im Winter sicher eine Menge los ist. Auf dem nahe gelegenen Campingplatz (urige Blockhütten), der seinen Sommer-Betrieb noch nicht aufgenommen hatte, standen einige Schneekanonen.

Sommerrodelbahn

Sommerrodelbahn

Schneekanonen

Schneekanonen

Vor uns lag eine riesige Wiese, Wäldchen und ein paar Ausblicke auf die Donau. Ein tolles Wandergebiet! Trotzdem wollten wir endlich die Burg finden! Also weiter, die Straße hatten wir inzwischen verlassen und gingen durch Feld und Wald. Nun waren wir an dem Restaurant mit der großen Terrasse und wunderschönem Donau-Ausblick angekommen, dessen Werbung wir bereits im Ort gesehen hatten. In der Nähe war auch ein großes Hotel mit Thermalbad. Hier kam uns eine große Wandergruppe entgegen und wir konnten endlich mal auf Englisch nach dem Weg fragen. Der junge Mann erklärte, dass wir in ca. 100 Metern an der Burg wären.  Na endlich! Zügig liefen wir in die gezeigte Richtung, 100, 200, 300 Meter – bis wir auf ein Hinweisschild stießen mit dem Versprechen: noch ca. 20 Minuten zur Burg! Manchmal kann man sich nur wundern! Jedenfalls war der Kosakenzipfel kalorienmäßig gut abgearbeitet bei dieser langen Tour!

Von fern hörten wir Musik, und nach noch einmal Wald tat sich Zivilisation auf: ein Parkplatz, ein Restaurant und viele kleine Läden, die am Fuße der alten Burg „schön und scheußlich“ zum Kauf anboten (Holzschnitzereien, traditionell bemalte Teller und anderes, Keramik und Kitsch).Am Ticketschalter der Burg – zum Glück war heute, am Montag, geöffnet! – durften auch wir endlich mal wieder etwas bezahlen, wenn auch nur die Hälfte des normalen Eintrittsgeldes, weil ja so alt …

Öffentliche Toilette am Ski-Lift

Öffentliche Toilette am Ski-Lift

Öffentliche Toilette in Visegrád

Öffentliche Toilette in Visegrád

Teil der Burgruine

Teil der Burgruine

Donau-Panorama von der Burg aus gesehen

Donau-Panorama von der Burg aus gesehen

Die Burg wurde auf einem Bergkegel oberhalb des Donau-Knies um 1247 erbaut. Wie immer erstarren wir in Ehrfurcht ob der Leistung solcher Bauwerke, die mächtigen Mauern, diese gewaltige Kraftanstrengung, wie war es für die Menschen damals bloß möglich, solche Bauten zustande zu bringen, ohne die Hilfsmittel, die uns heute zur Verfügung stehen. Klar, dass auch hier alles wieder mit den Römern begann, die die wichtige strategische Lage erkannt hatten. Während der Völkerwanderung hinterließen Germanen, Slawen und Hunnen ihre Spuren. Erst zu Beginn des 10. Jahrhunderts wurde das Land von ungarischen Stämmen in Besitz genommen. Um 1544 eroberten türkische Truppen die Burg, zerstörten sie bei ihrem Rückzug etwa 140 Jahre später leider fast völlig. Trotzdem ist faszinierend, was wir an Relikten heute noch sehen können. Die Atmosphäre an so einem alten geschichtlichen Platz ist einmalig, der Blick auf die Hügel auf der anderen Seite und hinunter auf die Donau, die sich wie ein Band durch die Landschaft zieht, einfach schön!

Selfie auf der Burg von Visegrád

Selfie auf der Burg von Visegrád

Anne vor Donaupanorama auf der Burg in Visegrád

Anne vor Donaupanorama auf der Burg in Visegrád

Auf unserem Wanderweg an der Burg kreuzte eine Blindschleiche unseren Weg, wohl aufgescheucht von den wenigen Besuchern. Da sie schlich, reichte es für ein Foto!

Diese Blindschleiche lief uns über den Weg

Diese Blindschleiche lief uns über den Weg

Anthocharis cardamines (Danke für die Identifikation, Jenny)

Aurorafalter Anthocharis cardamines (Danke für die Identifikation, Jenny)

Es ging gegen 17 Uhr, unsere Mägen knurrten und wir erinnerten uns an die Pizzeria „Don Vito“, an der wir unten im Ort vorbeigekommen waren. Genug vom Schauen und Nachlesen (leider nur wenige Hinweise auf Englisch) machten wir uns auf den Rückweg, fragten sicherheitshalber noch mal beim Souvenir-Shop nach. Der Mann deutete in eine Richtung und meinte: etwa eine halbe Stunde. Wenn das man stimmte …

Es stimmte haargenau, allerdings waren wir auch ziemlich schnell: erstens, weil wir hungrig waren und zweitens, weil es steil bergab ging, auf steinigem Eselpfad. Unterwegs kamen wir an Gedenksteinen vorbei, den Kalvarien. Sie stellen die Passion Jesu Christi dar und werden in einer Art Pilgerweg nachvollziehbar gemacht. Wir kennen die Kalvarienberge schon von Teneriffa.

Ziemlich genau kamen wir an der Straße, wo die Pizzeria lag, heraus. Der Abstieg nahmen uns unsere Füße aber ein wenig übel. Das Lokal hatte sich die Familie Corleone aus dem Film „Der Pate“ als Thema zu eigen gemacht; vieles hatte einen Bezug zu diesem Namen. Die Tür zur Toilette sah aus wie eine Tresor-Tür, es gab im Restaurant eine Sitzgruppe mit „Familien“-Fotos und dunklen Möbeln, für „konspirative“ Treffen. Ebenso gab es aber auch einen wunderschönen Garten, in dem man speisen  konnte. Hier wollten wir sitzen, bei einem Glas Wein in der Abendsonne.

Holzstatue der heiligen Margarete

Holzstatue der heiligen Margarete

Don Vito Restaurant

Don Vito Restaurant

Ganz so steil war es dann doch nicht für die Fahrradfahrer

Steil geht es hoch für Fahrradfahrer

Die bestellten Pizzen waren riesig, natürlich schafften wir sie nicht und nahmen gern das Angebot für die „Doggybag“ an, Reste mitnehmen nach Hause!

Zurück an der Fähre (ach ja, wir kamen noch mal am Palinka -berühmter ungarischer Schnaps- Museum vorbei, das leider auch montags geschlossen war), hatten wir eine halbe Stunde Zeit bis zum Ablegen um 18.45 Uhr. Es war nur eine Handvoll Leute, die hinüber musste. Wir spazierten noch einmal entlang der neuen Promenade, bevor wir zurückgingen. Eigentlich schade, dass Nagymaros nur so als Übergang zu Visegrád genutzt wird. Bestimmt ist auch hier ein kleiner Spaziergang schön. Zu spät für heute, aber es gibt ja immer ein „nächstes Mal“. Nach einer Stunde Zugfahrt erreichten wir wieder den Westbahnhof und per Metro und Bus waren wir dann nach einer weiteren halben Stunde gegen 21 Uhr – rechtschaffen müde – wieder auf dem Campingplatz.

Fotogalerie Visegrád

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