Newcastle (NI)

 In Nordirland

Donnerstag, 12. Juli 2018
Umzug der Orange Logen in Newcastle

Wir mussten früh aus den Federn, um einen Parkplatz im kleinen Seebad Newcastle (County Down) – an der Irischen See gelegen – zu bekommen. Der Tag begann Wolken verhangen, für die Bandmusiker sicher besser als den langen Marsch durch die Stadt in grellem Sonnenschein und Hitze zu absolvieren.

Gegen 8.30 Uhr, nach der kurzen Fahrt von Annalong kamen wir auf dem ausgewiesenen Parkplatz an. Hilfreiche Geister eilten umher. Wir brauchten nur zu sagen, dass Dave uns eingeladen hatte und schon wurde der rote Teppich für uns ausgerollt. Parken in bester Lage, ohne zu bezahlen (normalerweise 5£). Da sieht man es mal wieder, “Vitamin B” (Beziehungen).

Wir sicherten unser Wohnmobil und gingen ins nächste empfohlene Café zum Frühstücken, Full Irish Breakfast (Eggs, Bacon, Mushrooms, Tomatoes, Toast, Sodabrot, Kartoffelbrot). Denn zum Frühstücken war beim frühen Aufstehen natürlich nicht zu denken. Ich entschied mich für das kleine Breakfast, Würstchen sowie Black Pudding (Blutwurst) ließen wir beide sowieso weg. Ich vermisste allerdings die Baked Beans. Inklusive Kaffee bezahlten wir 10,50£, das ist beinahe unverschämt günstig.

Unser Wohnmobil mittendrin im Gewühl

Unser Wohnmobil mittendrin im Gewühl

Die Aufmarschwiese

Die Aufmarschwiese

Dann schauten wir uns die Gegend an. Newcastle liegt wunderschön am Fuß des Slieve Donard, des höchsten Berges Nordirlands und des östlichen Gipfels der Mourne Mountains (etwa 850 m hoch), die wir im Hintergrund sehen konnten, allerdings nebelverhangen. An der See gibt es leider keinen Sandstrand, dafür aber lange offenbar neu geschaffene Promenaden. Ansonsten das übliche der englischen Seebäder: Cafés, Schnellrestaurants, Bistros, lärmende Amusement Salons zuhauf, Spielwaren- und Andenkenläden und Sonstiges.

Mittlerweile füllte sich der Ort: Die Besucher hatten Klappstühle mitgebracht und reihten sie entlang der Hauptstraße auf. Alle schienen der Parade entgegenzufiebern. Auch die verschiedenen Musik-Bands formierten sich mit ihren Standarten-Trägern auf der Aufmarschwiese. Wir fragten uns, ob wir Dave in diesem Gewimmel überhaupt wiedersehen würden.

Der 12. Juli zählt in Nordirland als Feiertag (Orangemens Day, eine politische Vereinigung). In einem Seebad sind natürlich trotzdem die meisten Läden geöffnet und es wurde langsam proppenvoll. Als wir noch zur Küstenpromenade schlenderten viel uns ein Graureiher auf, der sich beim Fischen nicht stören und bereitwillig fotografieren ließ. Frederick gelangen ein paar schöne Aufnahmen. Ansonsten waren die heutigen Fotos wegen der dichten Bewölkung nicht ganz so einfach.

Fahnengeschmückte Straßenlaterne vor nebelverhangenem Berg

Fahnengeschmückte Straßenlaterne vor nebelverhangenem Berg

Die bunten Standarten

Die bunten Standarten

Gespiegelter Reiher

Gespiegelter Reiher

Kurz nach 12 Uhr nahmen die Bands Aufstellung und mit Trommeln und Pfeifen, Akkordeon-, Dudelsack-Spielern, und Blasorchestern zogen die Musiker vom Sammelplatz los. Alle in den verschiedenen Uniformen, als wollten sie in den Krieg ziehen. Die Hauptfarbe jedoch war Orange, zu Ehren des Hauses Wilhelm von Oranien-Nassau. Wer keine Uniform trug, hatte sich mit orangefarbenen Schärpen geschmückt.

Und allüberall wehten die nordirischen und britischen Flaggen. Ein großes Volksfest also, unserem Vogelschießen ähnlich, jedoch mit viel mehr Zulauf und Begeisterung. Auf den Bannern sahen wir außer mittelalterlichen Darstellungen von William III. die Buchstaben LOL, übersetzt heißt es: Loyal Orange Lodge und jede Gruppe der Lodges (Logen) stellte sich mit großen, farbenprächtigen Standarten dar.

Das ganze Spektakel anzusehen, fanden wir spannend, wenngleich der politische Hintergrund zur Sorge Anlass gibt, denn die Märsche sind eine alljährliche Provokation in den Augen der Katholiken. Wie man in den Nachrichten hörte und sah, war es in Derry (Londonderry) mittlerweile zu ernsthaften Ausschreitungen gekommen und zwar genau in dem Bezirk (Bogside), den wir per Führung kennengelernt hatten. Das ganze ist immer noch ein Pulverfass.

Weitere Fotos

Viele Gruppen in schottischen Röcken mit Dudelsäcken

Viele Gruppen in schottischen Röcken mit Dudelsäcken

Besonders beliebt und gut anzuhören: Akkordeonspieler

Besonders beliebt und gut anzuhören: Akkordeonspieler

Die Straßen gesäumt von Zuschauern

Die Straßen gesäumt von Zuschauern

Die Honoratioren vorneweg

Die Honoratioren vorneweg

 

Pastor beim Gottesdienst vom Lastwagen, flankiert von den Vorsitzenden der einzelnen Logen - unser Freund David 2. v. links

Pastor beim Gottesdienst vom Lastwagen, flankiert von den Vorsitzenden der einzelnen Logen – unser Freund David 2. v. links

Das Auge des Gesetzes mittendrin

Das Auge des Gesetzes mittendrin

...und die Kleinsten machten mit

…und die Kleinsten machten mit

Auch die Kleinen...

Auch die Kleinen…

Plötzlich entdeckten wir Dave in einer der Gruppen. Wir winkten ihm zu und er kam schnell herüber, begrüßte uns und freute sich sichtlich, uns zu sehen. Nach den Aufmärschen sahen wir Dave noch einmal in der Ferne, auf der improvisierten Bühne eines offenen LKW‘s. Von dort aus wurden Predigten gehalten, Kirchenlieder angestimmt und das Wort Gottes – im protestantischen Sinne wohl – verkündet. Bei offenem Fenster im Wohnmobil war alles laut und deutlich zu verstehen. Nach 60 vorbeimarschierten Bands taub auf den Ohren, wurde es dann aber für uns Zeit, aufzubrechen.

Wir mussten dringend Gas tanken und fuhren Richtung Dundalk (ca. 1 1/2 Stunden entfernt). Über ein Verzeichnis im Internet fanden wir eine Tankstelle, die LPG Gas verkauft. Da muss man schon suchen, manchmal sind die Angaben falsch und die Tankstelle gibt es gar nicht mehr, alles schon erlebt hier! Auch an dieser Tankstelle fuhren wir zunächst vorbei, da wir nach einer ESSO-Tankstelle Ausschau hielten, die nicht kam. Nach kurzem Anruf wurde unsere Vermutung bestätigt, dass es nun eine TOPAZ Tankstelle war. Wir fuhren also zurück und bekamen unser Gas.

Nun war es bereits spätnachmittags und wir wollten nur noch unsere Ruhe. Die fanden wir nach weiteren 15 Minuten auf dem Stellplatz in Annagassan, back in Republik Ireland! Hier nehmen sie auch wieder unsere Euros! Kurz nach dem Ort Newry hatten wir die unsichtbare Grenze in die Republik Irland überquert. Man erkennt es aber trotzdem an den unterschiedlichen Markierungen auf den Straßen. In Irland wird die Straßenbegrenzungen als gestrichelte, gelben Linien markiert und die Geschwindigkeits- und Entfernungsangaben sind wieder in km. Annagassan ist ein kleines Nest, direkt an der irischen See und wir fanden einen Stellplatz an dem kleinen Hafenkai, wo bereits vier andere Wohnmobile standen. Auch hier kostenlos, versteht sich.

Stellplatz Koordinaten: N53.884297, O-6.347442

Wir aßen eine Kleinigkeit, erkundschafteten danach die Umgebung, zuerst am Strand – es war Ebbe und das Wasser in weiter Ferne-  und fanden dann noch einen urigen Pub, an dem wir nicht vorbeikamen und uns noch jeweils ein Guinness genehmigten, wie immer Frederick ein Pint und ich ein halbes. Hatten wir doch tatsächlich einen Pub in diesem verlassen aussehenden Kaff gefunden, irgendwie immer der Nase nach! Und der kleine Laden gegenüber, gleichzeitig Post Office hatte nach 19 Uhr sogar noch geöffnet. Wir kauften irgendetwas und diese Ladenbesitzerin überschlug sich wieder vor Freundlichkeit, genial im Small Talk. Sie erzählte, dass doch so einige hier wohnen, die in Dublin arbeiten und den Weg – etwa eine Stunde bei guter Verkehrslage – in Kauf nehmen. Hier im Dorf lebe es sich eben ruhig.

Unser kostenloser Stellplatz – wohl auch deshalb stehen hier die vier weiteren Wohnmobile (mit irischem, englischem, italienischen Länderkennzeichen) liegt direkt an dem sehr kleinen Hafen, in der Bucht des River Glyde, der in der Irischen See mündet. Außer zwei, drei Fischerbooten nix los, wenig Strand, große Steine und Felsbrocken (Küstenschutz) und der lose Sand direkt am Hafen reizt nicht zum Wandern. Es sind Warnschilder aufgestellt: Quicksand – Treibsand, Lebensgefahr also.

Uns reichte der kleine Spaziergang entlang des festen sicheren Strandes, dann schrieben und lasen wir noch ein wenig. Wieder neigte sich ein Tag dem Ende zu und unser Irland-Abenteuer so allmählich auch. Unseren nächsten Bericht in Irland findet ihr hier: Greystones

Stellplatz am Kai in Annagassan

Stellplatz am Kai in Annagassan

Annalong - Newcastle (NI) - Newry - Dundalk - Annagassan

Annalong – Newcastle (NI) – Newry – Dundalk – Annagassan

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Comments
  • Claus-D. Aßmann
    Antworten

    Hallo Dethleffs!
    Das ist dann ja noch ‚mal gut gegangen. Ist orange nun Eure Lieblingsfarbe geworden?
    Immerhin habt Ihr bei der Gelegenheit ordentlich Folklore mitbekommen und deftige Musik!
    Ich lese in jdem Artikel Eurer Reiseberichte, daß Ihr beide ordentlich dem Biere zusprecht; hier ein Pup mit Pint, dort ein Pup mit Pind,
    was macht Ihr eigentlich, wenn Ihr wieder im Lande seid….ohne Pup-Pint?
    Das werden harte Zeiten, dann gibt’s wieder Mineralwasser – medium!
    Weiterhin gute Reise!
    Gruß Assi

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