Cēsis

 In Lettland

Cēsis, Dienstag, 10. September 2019
Verträumte kleine Stadt

Auf dem Weg nach Cēsis folgten wir Utes Rat und hielten noch mal an einer schönen orthodoxen Felsstein-Kirche (offenbar nicht mehr genutzt), die nur wenige Kilometer entfernt an einer Schotterstraße lag.  Auch eine Burgruine in Ergeme knapp hinter der Grenze nach Lettland empfahl sie uns und so fuhren wir auch dort noch hin. Diese mittelalterliche Ruine liegt inmitten von Wiesen und Auen und wird im Sommer gern als Kulisse für Freilicht-Veranstraltungen genutzt.

Orthodoxe Kirche in der Pampa

Orthodoxe Kirche in der Pampa

Burgreste in Ergeme

Burgreste in Ergeme

In Cēsis kamen wir nach ca. eineinhalb Stunden an. Der erste Eindruck, vielleicht auch, weil es zu regnen begann, war nicht so richtig toll. Die Stadt (ca. 17.200 Einwohner) sah doch noch sehr nach post-sowjetischer Zeit aus, viele Häuser nicht restauriert, große Parkplätze im Zentrum, die aber wohl eher dank abgerissener Häuser entstanden sind. Egal, Frederick brauchte eine neue SimCard, wir parkten also auf einem dieser Plätze und liefen – es war mittlerweile später Nachmittag – ins Einkaufszentrum. Übers Internet hatte Frederick den Tele2 Shop herausgefunden, es klappte problemlos mit dem Kauf. Unbeschränkte Datenmenge für eine Woche zum Preis für nur 5 EUR!

Kriegsdenkmal

Kriegsdenkmal

Kommunaler Stellplatz in Cesis

Kommunaler Stellplatz in Cesis

Kuigatsu - Ergeme - Cesis

Kuigatsu – Ergeme – Cesis

Auf dem Rückweg schauten wir im Touristenbüro vorbei. Es liegt ganz in der Nähe der Burg. Hier war alles doch wesentlich schöner mit vielen restaurierten Gebäuden und Straßen. Die nette Dame wies uns auf einen „richtigen“, für drei Wohnmobile ausgelegten Stellplatz (mit öffentlicher Toilette), neben dem Parkplatz für PKW’s, hin. Wir liefen durch die kleine Hauptgeschäftsstraße des Ortes mit einigen niedlichen Lädchen und relativierten unseren ersten Eindruck. Ein zauberhaft und romantisch eingerichtetes Café war uns empfohlen worden, wir schauten hinein, wirklich süß! Uns fiel gleich auf, dass die Preisstruktur hier – wie Ute uns auch erzählt hatte – deutlich niedriger ist als in Estland. Nur schauen geht natürlich nicht, wir kauften ein paar Leckereien in der Bäckerei, Mandelhörnchen für 1€ das Stück!

Uriges, gemütliches Café

Uriges, gemütliches Café

Parkanlage unterhalb der Burg

Parkanlage unterhalb der Burg

Es gibt ein altes Brauereigebäude, das zum Brauen nicht mehr genutzt wird. Eine alternative Kunstszene hat sich hier etabliert. Wir folgten dem Tipp, in einer kleinen – aktiven – Brauerei (ein paar Stufen hinunter in den Keller, wo sich eine kleine Bar befindet) einzukehren. Der junge Mann, der fast perfekt Englisch sprach, bot uns Kostproben von unterschiedlich gebrauten Bieren an und wir entschieden uns für die eher herbe Variante. Er erzählte ein bisschen über seine Stadt. Sie ist eine der ältesten Städte Lettlands und liegt mitten im Gauja-Nationalpark. Das erklärt natürlich, dass vieles noch immer so aussieht wie im 15. Jahrhundert. Damals war der Ort, deutsch: Wenden, als Hansestadt zu Wohlstand gekommen.

Büste des Grafen Karl Gustav von Ziversa

Büste des Grafen Karl Gustav von Ziversa

Stillgelegte Alte Brauerei in Cesis

Stillgelegte Alte Brauerei in Cesis

Es begann zu regnen, ein weiterer Kunde kam hereingeschneit: ein Handwerker, ein Bär von einem Kerl, der das Dach der Kirche neu eindeckte. Das kann bei Regen gefährlich sein, deshalb musste er erstmal runter vom Dach und sich  einen Schluck Bier genehmigen… Frederick und ich nannten ihn sofort „Karlsson vom Dach“ (Astrid Lindgren-Geschichte). Er sprach ein bisschen Deutsch und erzählte, dass er sein Handwerk von einem Deutschen gelernt hatte. Er arbeitete nur vier Tage in der Woche, danach rief ihn sein Garten. Er zeigte uns Fotos von seinem großen Treibhaus, Wein, Tomaten, Melonen – was wuchs dort nicht. Ein tolles Haus besaß er ebenfalls, in Tukum, das bedeutete eine Anfahrt zur Arbeit von über drei Stunden.

Wir brachen auf, auch Karlsson verabschiedete sich und machte Feierabend. Am nächsten Tag gab es noch einiges zu besichtigen, die alte Ordensburg zum Beispiel.

Cēsis, Mittwoch, 11. September 2019
Noch eine Burgbesichtigung

Dieses Datum hat sich eingebrannt im Gedächtnis, die terroristischen Anschläge von New York in 2001. 2996 Menschen starben, sie sollen nicht vergessen werden. Jedes Jahr wieder ist man betroffen, erinnert sich an die schrecklichen Bilder, sogar daran, was man gerade getan hatte, als die Nachricht über die Bildschirme der Fernsehapparate flimmerte.

Bei uns stand heute Vormittag die Besichtigung der Ordensburg (Mura Pils) auf dem Programm. Sie ist das Wahrzeichen von Cēsis, einst größte Festung von Livland, vom Schwertbrüderorden 1209 gegründet. Mit ihren massiven Mauern und Vorburgen sollte sie uneinnehmbar sein. War sie auch, bis … Iwan IV der Schreckliche im Jahr 1577 sie in Schutt und Asche legte. Darüber sollte es in einem der Türme eine interessante Laser-Show geben.

Aber zunächst sollten wir lt. Wegweiser durch den Garten gehen. Hier waren noch einige hölzerne Stände und Hütten aufgebaut. Nun, zum Ende der Saison, waren sie nicht mehr alle vom Museumspersonal betrieben, aber es gab noch den Holzschnitzer, der uns, gewandet im mittelalterlichen Kostüm, an ebenso alten, nachgebauten Werkzeugen zeigte, wie das so ging, mit dem Drechseln, Sägen und Schleifen. Überall lagen Holzschalen, Schöpflöffel und Buttermesser (!) herum, Anschauungsmaterial eben. Nebenan gab es eine Werkstatt, in der Horn und Knochen zu Nadeln, Knöpfen, Speerspitzen und sonstigem verarbeitet wurde.

Ganz einfache, mittelalterliche Holzdrehbank

Ganz einfache, mittelalterliche Holzdrehbank

Holzdrexelwerkstatt aus dem Mittelalter

Holzdrexelwerkstatt aus dem Mittelalter

Aus dem Garten kam uns eine junge Frau entgegen. Auch sie war in mittelalterlichem Gewand gekleidet. Sie nahm uns mit in ihre Hütte und erklärte vieles über das Gärtnern zu damaliger Zeit, zum Beispiel, dass man schon im Mittelalter Hochbeete, die heute ja gerade der letzte Schrei zu sein scheinen, angelegt hatte. Ilse, so heißt sie, sprach übrigens ein makelloses akzentfreies Deutsch, ganz toll! Das hätte sie autodidaktisch gelernt. Ohne Akzent? Sie muss wohl sehr sprachbegabt sein. In ihrer Hütte duftete es wunderbar nach getrockneten Kräutern. Aber für eine Kräuterhexe war Ilse doch viel zu schön und zu jung!

Ilses Kräutergarten

Ilses Kräutergarten

Ilse, die Gärtnerin

Ilse, die Gärtnerin

Handwerkerhütten

Handwerkerhütten

Man kann hier Stunde um Stunde verbringen und Neues lernen, – im August jeden Jahres findet auf der Ordensburg, die sich rühmt, am besten erhalten zu sein, ein buntes Mittelalterfestival statt und wir können uns lebhaft vorstellen, wie aufregend es dann dort ist! Wir erklommen die Stufen in den Türmen und landeten dann in dem Raum mit der Laser-Show. Und wie sie uns beeindruckte! Mit modernster Technik tauchten wir ein in die vergangenen Jahrhunderte, den Burgenbau, die Zerstörungen, Wiederaufbau, Jahrzehnte des Vergessens. Ein Teil der Bevölkerung hatte Schutz in der Burg gesucht, als Iwan der Schreckliche 1577 angriff. Um nicht in die Hände des Feindes zu fallen, zogen die Menschen es vor, den Pulverturm und damit sich selbst in die Luft zu sprengen, ein grausamer Tod, so oder so. – Seit 1998 hat es sich zu einer Tradition entwickelt, den Wehrturm der Burg über eine enge und unbeleuchtete Wendeltreppe mit kerzenbestückter Laterne zu erklimmen. Das macht das Ganze noch einmal so spannend.

Tolle Lasershow im Wehrturm

Tolle Lasershow im Wehrturm

Cesis Burgruine

Cesis Burgruine

Enge Wendeltreppe im Wehrturm

Enge Wendeltreppe im Wehrtuem

Blick vom Wehrturm auf die Burgruine

Blick vom Wehrturm auf die Burgruine

Wintergarten im gut erhaltenen Hauptgebäude

Wintergarten im gut erhaltenen Hauptgebäude

Toller Kachelofen im Treppenhaus des Hauptgebäudes

Toller Kachelofen im Treppenhaus des Hauptgebäudes

Nach soviel Mittelalter war uns nach einem Kaffee, den wir in der alten Brauerei bekamen. Es sah nach Kunst- und Kulturszene aus dort, wie Ilse uns schon gesagt hatte. Zum Mittagessen gingen wir zurück ins Wohnmobil, verbrachten die Zeit mit Schreiben und Lesen und spazierten erst bei Dunkelheit noch einmal um den ganzen Ort herum. Dabei entdeckten wir noch ein paar mehr hübsche Ecken, unser Fazit: Cesis als Reiseziel lohnt! Morgen früh fahren wir weiter.

Abendliche Aufnahme von der orthodoxen Kirche

Abendliche Aufnahme von der orthodoxen Kirche

Lauschige Außengastronomie

Lauschige Außengastronomie

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