Ventspils

 In Lettland

Freitag, 16. August 2019
Baustellenabenteuer und teures Wäschewaschen

Jeden Morgen wachen wir auf und denken auf dieser abenteuerlichen Reise durch das bisher für uns unbekannte Baltikum: Schön ist es, auf der Welt zu sein … (sprach die Biene zu dem Stachelschwein …Roy Black und Anita). Der Wettergott meint es gut mit uns, es regnet nur gelegentlich und das meist in der Nacht, am Tag haben wir zwischen 20 und 26 Grad, blauen Himmel und Sonnenschein, herrlich!

Hatte uns das beinahe mittelalterlich anmutende Kuldiga so fasziniert, waren wir nun auf Ventspils gespannt, das uns von Birgit und Ernst so sehr empfohlen worden war. Wir kauften noch einige Vorräte im riesigen modernen Supermarkt Rimi in Kuldiga ein und schwenkten auf die Straße P108, normalerweise etwa eine Stunde Fahrt (wenn nichts dazwischen kommt, was dann jedoch passierte).

Dreiviertel des Weges war die Straße bereits erneuert und gut zu fahren, dann aber ging es los.  – Im Rückblick kamen wir auf etwa sechs lange Baustellen mit einspuriger Fahrbahn. Es war teilweise kurios: Vor uns standen zwei riesige, landwirtschaftliche Fahrzeuge, die plötzlich – trotz der roten Ampel – los preschten. Was wussten die, was wir nicht wussten? Wir also hinterher, in der Hoffnung, die wüssten’s schon … und wir hatten Glück, es kam uns kein Fahrzeug entgegen. Nach einem Kilometer schon die nächste Ampelschaltung. Diese zeigte wenigstens schon mal die Wartezeit an, aber wir – als erstes Fahrzeug – riskierten hier lieber nichts. Und richtig, es kamen uns u.a. große Baufahrzeuge entgegen, das wär’ schön was geworden auf der schmalen Fahrbahn! Es war also Geduld gefragt. So wurschtelten wir uns durch die letzten 15 km bis Ventspils von einer Ampel zur nächsten. Man kann es ja durchaus positiv sehen: Sollten wir hier in Zukunft nochmals durchfahren, wird das auf einer schönen neuen Straße sein.

Ventspils (etwa 38500 Einwohner), das ehemalige deutsche Windau, begrüßt seine Besucher mit blumengeschmückten Kreisverkehren, wie überhaupt Grün und Blumenschmuck im gesamten Stadtbild eine große Rolle spielen. Wir bemerkten schnell, warum die Stadt sich als familien- und kinderfreundlich bezeichnet und für Erholungssuchende bestens geeignet ist: Die gesamte Stadt ist mit großzügigen, also breiten Rad- und Fußwegen vernetzt, es gibt mehrere Parks, viele Kinderspielplätze und der wunderschöne Strand ist – auch zu Fuß – gut zu erreichen.

Blumen, Blumen

Blumen, Blumen

Überall Blumen

Überall Blumen

Kuldiga - Ventspils

Kuldiga – Ventspils

Wir fuhren gegen 14 Uhr den Yachthafen an, weil wir dringend Wäsche waschen mussten. Der Hafenmeister sprach gut Englisch, wies uns in die Gegebenheiten ein und nannte den Preis pro Waschgang/Trocknung: je 5€, das ist echt teuer! Aber wie Frederick so häufig sagt: Beggars can’t be Choosers (… wenn man keine andere Wahl hat …), wir blieben also und brachten über fünf Stunden mit Waschen, Trocknen und derweil an den Berichten arbeiten zu. Ein Waschgang dauerte 2 ½ Stunden! 20€ ärmer war dann aber auch wieder klar Schiff. Wir dachten an unseren Cousin Matthias, der hier in dieser kleinen noch entwicklungsfähigen Marina einmal, mit seinem wunderbaren Boot „Bird of Tuvalu“ gelegen hatte. Leider haben wir Matthias in diesem Jahr verloren, wir sind sehr traurig darüber.

Lotsenboot läuft aus

Lotsenboot läuft aus

Die Marina, wo wir waschen konnten

Die Marina, wo wir waschen konnten

Später fanden wir direkt am Rathausplatz über die App „Park4Night“ einen Parkplatz und bummelten gleich los in Richtung Hafenpromenade. Hier war alles großzügig neu gepflastert, Radwege ausgewiesen. Kopfsteinpflaster sieht man nur am Rande, wo es dekorativ eingesetzt wird, verkehrsmäßig also nicht stört. Überall sahen wir Skulpturen, zumeist geschliffener Marmor, besonders auffallend waren die unterschiedlich gestalteten (teilweise überlebensgroßen) Kühe aus anderem Material, verteilt über die ganze Stadt. Über die sollten wir später mehr erfahren. Wir hatten es sehr nötig, uns die Beine zu vertreten, – nach der stundenlangen Beschäftigung in der Marina. Es bleibt hier sehr lange hell, also liefen wir durch die gesamte Altstadt mit den vielen alten Holzhäusern, von denen aber noch viele auf Restaurierung warten.

Bunte Kuh

Bunte Kuh

Stellplatz am Markt

Stellplatz am Markt

Hinter unserem Wohnmobil hatte inzwischen ein weiteres kleineres Gefährt eingeparkt. Wir kamen mit Jessica und Patrick, die mit Hund Cara unterwegs waren, ins Gespräch und tauschten einige Reiseerfahrungen aus. Sie waren schon auf dem Heimweg, versorgten uns mit Tipps für Riga, woher sie gerade kamen.

In der Touristenbroschüre von Ventspils wird auf die Klänge des Glockenspiels vom Uhrenturm hingewiesen, die alle Stunde erklingen. Ja, das haben wir gehört, auch die Nacht hindurch, standen wir doch nur 20 Meter davon entfernt … also hübsch anzuhören am Tag, nächtens weniger schön! Jede Stunde wurden wir wach geläutet. Irgendwann gewöhnt man sich – so unterwegs – an alles!

Markt in Ventspils (findet jeden Tag statt)

Markt in Ventspils (findet jeden Tag statt)

Glockenspiel am Markt

...noch eine Kuh

…noch eine Kuh

Samstag, 17. August 2019
Nächtliches Glockengeläut und kostenloses Konzert im Park

Schön blöd, wenn man so nahe am Marktplatz übernachtet – und wir wussten ja, dass auch samstags Markttag war! So war die Nacht schnell vorbei, mit dem vielen Hin und Her der Verkäufer und Käufer auf diesem so gut aufgestellten Markt. Die Straßen – gestern Abend noch leer, waren heute vollgeparkt mit Autos. – Eine Markthalle gab es auch, wir stürzten uns ins Getümmel und kauften sehr preiswert kiloweise Blaubeeren, Erdbeeren, Gemüse, und in der Halle Fleisch- und Wurstwaren, Käse, Eier, Brot und Kuchen.Wann sollen wir das alles bloß essen ….

Wieder gingen wir auf Wanderschaft, nachdem wir uns im Touristenbüro Informationen besorgt hatten. Dort erfuhren wir etwas über die Kühe, über 27 gibt es mittlerweile davon in der Stadt. Ein einzigartiger Marketing-Gag, von Künstlern entwickelt (Kunst- und Mäzenprojekte, denen sich weitere Städte weltweit angeschlossen haben). Link Kuhparade

Eine gute Idee, ein großer Spaß für Kinder und ein gefundenes Fressen für jeden Fotografen! Einige der Kühe wurden von Frederick abgelichtet. Den Ehrgeiz alle 27 zu fotografieren, hatte er nicht. Wie immer, erkundeten wir die Stadt zu Fuß, im Gegensatz zu den vielen anderen Touristen und ganzen Familienverbänden, die per Elektro-Scooter/Roller unterwegs waren. Man kann sie an vielen Stellen ausleihen, pro Stunde kostet es etwa 10€. Wie das mit dem Zurückbringen funktioniert, erschloss sich uns nicht so ganz.

Unser Rundgang ging durch sämtliche Parks und an vielen Springbrunnen/Wasserspielen vorbei. Eines, am Großen Platz vor der Konzerthalle, beeindruckte uns besonders: Die stilisierte Nachbildung des Segelschiffes „Wallfisch“, das sich im Jahr 1644 unter Jakob Kettler (einer der Herzöge des Kurlandes) auf den Weg nach Gambia gemacht hatte, um Möglichkeiten der Kolonialisierung zu erforschen. Übrigens, das Schiff hieß wirklich „Wallfisch“ mit zwei L. So schrieb man das Wort wohl damals.

Symbilisierte Darstwllung des Seglers Wallfisch

Symbilisierte Darstwllung des Seglers Wallfisch

Schöner Springbrunnen an der Hafenpromenade

Schöner Springbrunnen an der Hafenpromenade

Vor der Konzerthalle wurde auf einer Open-Air-Bühne geprobt, offensichtlich ein Jugendorchester. Stühle fürs Zuhören standen bereit und wir genossen die unterhaltsame Musik eine Weile. Das erste Konzert sollte um 15 Uhr, das nächste um 19 Uhr stattfinden. Jetzt war es erst 14 Uhr und wir hatten noch nicht genug von dieser interessanten Stadt gesehen! Im Wohnmobil warteten zwei leckere Törtchen vom Markt auf uns und wir machten erst mal eine Pause.

Schließlich erkundeten wir die restliche lange Promenade entlang des Hafens (man kommt an der Burg des Livonischen Ordens vorbei, die man wegen der hohen Bäume davor fast übersieht), kamen an die Dünen und den Strand und hatten weitere große Park-/Stellplätze entdeckt, die in der ganzen Stadt großzügig eingeplant sind. Trotzdem herrscht hier keine Hektik. Die touristischen Stände mit all dem Plastik-Kinderspielzeug und Souvenir- und Fressbuden, wie wir sie in Polen gesehen haben, gibt es hier nicht. Man setzt anscheinend eher auf Natur, Erholung, Rad-/Roller fahren und wandern.

Molenbefestigung mit Hilfe von tausenden Tetrapoden

Molenbefestigung mit Hilfe von tausenden Tetrapoden

Aufgedockte Fischkutter

Aufgedockte Fischkutter

Der Strand von Ventspils

Der Strand von Ventspils

Fischkutter, begleitet von Hunderten von Möwen

Fischkutter, begleitet von Hunderten von Möwen

Als wir an „unserer“ kleinen Marina vorbei kamen, wo wir am Vortag gewaschen hatten, verlockte uns der Grill mit seinen Düften und wir kehrten dort ein (auch wenn der Kühlschrank überquoll …). Zwei kleine Hamburger, ein großes Bier und ein Glas Asti Spumante, der ganze Spaß für 16€. Hier kann man sich das Essen kochen so manches Mal sparen und häufiger mal ausgehen!

Gerade noch rechtzeitig, zur Abendvorstellung, kamen wir an der Konzerthalle an, gesellten uns zu den anderen und hörten beim letzten Open-Air-Konzert dieses Sommers zu. Eine Bigband spielte Jazz, ein Saxophonist und drei Sängerinnen sorgten für Stimmung. Und das alles kostenlos! Wir vermuten, dass die Stadt diese Sommerkonzerte für ihre Gäste/Touristen veranstaltet und wir hatten einfach Glück gehabt, das letzte erwischt zu haben. Schön war’s!

Konzert im Park

Konzert im Park

Konzert im Park

Konzert im Park

Sonntag, 18. August 2019
Freilichtmuseum und Fahrt mit historischer Dampfbahn

Ob wir wohl noch mal nach Riga kommen? Hier in Ventspils ist es einfach zu schön. Ach ja, wir hatten inzwischen weitere Park-/und Stellplätze gesehen und unser Fahrzeug am Samstagabend umgeparkt, in die Nähe des Strandes und Freilichtmuseums. War der Platz am Abend auch wie leergefegt gewesen, füllte er sich am Sonntag doch schnell mit den PKW‘s und einigen Wohnmobilen. Auch hier galt wieder freies Parken, sehr großzügig! – Wir haben gut geschlafen, deutlich besser als mit dem Glockenspielspielgeläute …

Das Angebot, mit dem Ausflugsboot „Hercog Jakob“ durch den Hafen zu fahren, wollten wir uns nicht entgehen lassen: 1,40€ für uns beide, wieder mal Rentnerbonus – für eine 45-minütige Tour! So jagte an diesem Sonntag noch ein Erlebnis das andere: Auf der Hafenrundfahrt gab‘s nur was zum Gucken rechts und links (keine Erklärungen, die wir sowieso nicht verstanden hätten). Bei der Hitze (26 Grad) war es so viel angenehmer auf dem Wasser zu sein als in der Stadt.

Schiffsbeladungssystem

Schiffsbeladungssystem

Ausflugsboot Herzeg Jakub

Ausflugsboot Herzog Jakob

Die Burg des Livonischen (Livländischen) Ordens (Link)
Endlich schauten wir uns auch noch die Burg an, die an der Hafenpromenade ziemlich versteckt hinter Bäumen auf einer kleinen Anhöhe liegt. Wir waren schon einige Male vorbei gegangen und hatten sie doch tatsächlich übersehen … Bereits am Ende des 13. Jahrhunderts wird die Burg in schriftlichen Quellen erwähnt. Sie gilt als älteste mittelalterliche Festung in Litauen, hat trotz vieler zerstörerischer Kriege ihre ursprüngliche Gestalt bewahrt. Seit 2001 ist das Museum von Ventspils dort untergebracht. Wie überall werden auch hier die Menschen durch niedrige Eintrittspreise dazu ermutigt, mehr über (ihre) Geschichte zu erfahren, wir bezahlten für das Rentnerticket 60 Cent pro Person. Unglaublich! Die Burg ist innen sehr schön restauriert und teilweise mit alten Möbeln ausgestattet. Die meisten Erklärungen gab es auch in englischer Sprache. Wir erfuhren,, dass in einigen Räumen Konzerte, Museumspädagogik und Ausstellungen stattfinden. Draußen im Hof kann man das Bogenschießen ausprobieren.

Anne als Wachposten in der Burg

Anne als Wachposten in der Burg

Kleine Orgel in der Burg

Kleine Orgel in der Burg

Burg des livländischen Ordens

Burg des livländischen Ordens

Freilichtmuseum
Immer noch nicht genug, wanderten wir weiter zum Küsten-Freilicht-Museum (Eintritt 60 Cent pro Rentner!) Dort erfährt man eine Menge über die frühere Lebensweise der lettischen und livländischen Fischer im 19./20. Jahrhundert. Es unterschied sich sicher kaum von den Fischern in anderen Ländern: harte Arbeit und karges Brot … Wie im Freilichtmuseum-Museum Molfsee bei Kiel sind auch hier alte Katen, Häuser und eine Mühle aus den verschiedenen Regionen wieder aufgebaut und teilweise mit alter Einrichtung bestückt worden. Über das riesige Außengelände verteilt findet man die größte Sammlung von Ankern der Baltischen Staaten. Radfahren durch den Park ist erlaubt.

Die historische Schmalspurbahn mit Dampflokomotive reizte uns zu einer Fahrt. Für 8€/2 Personen mit einigen anderen Touristen wurden wir 45 Minuten lang durch den gesamten Park gekurvt, mit ständig zu hörender, lauter Dampfpfeife. Wir fühlten uns zurückgesetzt in die alten Zeiten des Bahnfahrens!

Alter Uhrenturm im Museum

Alter Uhrenturm im Museum

Das Originalgetriebe der Mühle

Das Originalgetriebe der Mühle

Mühle im Heimatmuseum

Mühle im Heimatmuseum

Vielleicht habt Ihr es schon bemerkt: Vieles gibt es zu erleben in Ventspils und man könnte gut und gern seinen Sommerurlaub hier verbringen.
Wir beendeten, reichlich erschöpft, unsere Ausflüge mit einem weiteren Spaziergang am Strand, kehrten an der Strandbar auf ein Bier ein und nahmen uns jetzt ernsthaft die Weiterfahrt Richtung Riga für den nächsten Tag vor. Im Wohnmobil musste das Abendessen noch schnell gezaubert werden (Spaghetti Bolognese), dann ließen wir die Ereignisse des Tages Revue passieren. Dass es zu regnen begann, störte uns nicht im geringsten. Im Gegenteil, das gleichförmige Prasseln aufs Autodach machte uns schläfrig, oder waren es die frische Luft und die vielen Eindrücke, die wir den ganzen Tag über genossen hatten?

Montag, 19. August 2019

Nun hatten wir doch wieder das Pech gehabt, über das alle Wohnmobilfahrer klagen: spät am Abend drehten ein paar Leute mit ihren Autos auf und jagten sich über den Großen Parkplatz, parkten gefühlte 20 cm neben uns und diskutierten über dieses und jenes, hörten aus dem Autoradio laute Musik, das ging bis etwa 3 Uhr morgens … aber wir können ja ausschlafen! Leider passiert das immer wieder mal auf den kostenlosen Stellplätzen.

Um uns die schlechte Nachtruhe aus den Gliedern zu schütteln, fuhren wir noch einmal zum Hafen in die Richtung des grünen Leuchtturms. Am Ende der Straße gibt es einen großen Parkplatz mit öffentlichen Toiletten. Man kann entweder zum Strand laufen oder das lange Ende zum Leuchtturm nehmen, einen aufgeschütteten Weg durch das Meer, auf beiden Seiten mit Tetrapoden gesichert.

Hafeneinfahrt Ventspils

Hafeneinfahrt Ventspils

Anne am Ende der Mole

Anne am Ende der Mole

Der Leuchtturm war unser Ziel, ein Spaziergang von 15 Minuten, ein absolutes Muss! Wir wurden ordentlich durchgepustet. Aus der Mauer, die am Weg steht, ist inzwischen ein Kunstprojekt geworden. In bunten Malereien erzählt sie von den Sehenswürdigkeiten des Ortes. Frederick schoss noch ein paar Bilder bei idealem Fotografierwetter, dann ging’s zurück zum Wohnmobil und auf zum Kap Kolka, dem nördlichsten Punkt der Region Kurland.

Anne stemmt die Kuh an der Hafenmole

Anne stemmt die Kuh an der Hafenmole

Spaziergang zwischen den Tetrapoden

Spaziergang zwischen den Tetrapoden

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