Von Halifax nach Sydney

 In Kanada

Eine Reise nach Nova Scotia (Kanada) ohne Wohnmobil

Ein Reisebericht ohne Wohnmobil? Wie kam das zustande? Ein Wohnmobilreisebericht über Nova Scotia im Internet hatte unser Interesse für diese kanadische Provinz geweckt. Flugs wurde geplant. Zeit hätten wir im September. Doch wie sah es mit den Kosten aus. Flüge von Hamburg nach London und von dort weiter nach Halifax waren überraschend günstig (zu buchen über Lufthansa). Doch was würde das Anmieten eines Wohnmobils kosten? Nach einiger Recherche kam Nüchternheit auf. Erstens ist September immer noch Hochsaison, zweitens gibt es keine Angebote mit unbeschränkten Kilometern und drittens sind die Übernachtungskosten auf den Campingplätzen überraschend hoch (teilweise so viel wie eine günstige Motelübernachtung). Kurz und gut, für eine dreiwöchige Rundreise kämen wir auf ein Gesamtbudget von 6.500 Euro. Das war wesentlich mehr als wir ausgeben wollten.

Wir dachten über Alternativlösungen nach und kalkulierten die Kosten für einen kleinen Mietwagen und durchschnittliche Kosten für Motels oder B&B’s. Hierbei kamen wir auf ein Gesamtbudget von 3.500 Euro. Das sah ja schon viel besser aus und kurzentschlossen buchten wir die Flüge und den Mietwagen. Beim Mietwagen wählten wir nach vielen Vergleichen das Angebot von Check24 für ein Fahrzeug in der Kompaktklasse von 489 Euro für die drei Wochen. Bei der Abholung in Halifax stellte sich dies als ein Nissan Note mit Automatikgetriebe heraus mit nur knapp 6.000 gefahrenen Kilometern. Das sei vorab gesagt: das Auto war perfekt für uns, fuhr ohne Zwischenfälle und die Anmietung und Rückgabe erfolgten völlig reibungslos.

Nova Scotia Rundreise

Nova Scotia Rundreise

Woche 1
1. Tag – Dienstag, 11. September 
Flug nach Halifax

Endlich ist es soweit, die Reise nach Nova Scotia, Neu Schottland, Kanada beginnt. Und zwar um 3.30 Uhr morgens in Malente, 4.30 Uhr ist Abmarsch zum Flughafen nach Hamburg. In Hamburg haben wir einen „Valet-Service“ gebucht. Unser Auto wird direkt am Terminal abgeholt und für drei Wochen eingelagert. Es ist das erste Mal, dass wir diesen, überraschend günstigen Service nutzen. „We hope for the best ….“

Alles verläuft nach Plan und so fliegen wir von Hamburg nach London Heathrow, wo wir ca. drei Stunden Aufenthalt haben. Das ist nicht schlimm. Heathrow gehört zu den interessanteren Flughäfen und wir vertreiben uns die Zeit. Dem Aufruf von Air Canada zum Weiterflug folgen wir dann gern und besteigen den Flieger, der uns in ca. 6 ½ Stunden nach Halifax bringen soll. Das Flugzeug scheint relativ neu zu sein, moderne Innenausstattung in Weiß und Anthrazit und – hurra – viel mehr Beinfreiheit als wir es von Ryan Air (ha ha!) gewohnt sind. Das Flugpersonal ist ausnehmend freundlich und um seine Gäste bemüht. Nachdem Earplugs (Ohrstöpsel) verteilt sind, machen wir es uns gemütlich und schauen uns das Angebot des Flieger-Kinos an. Dabei sind recht neue Filme und wir entscheiden uns für den Polit-Thriller „Post“. Ein Seitenhieb auf Donald Trump?

Frederick liest später und ich schaue noch „Book Club“, ein lustiger Frauenfilm mit älteren Mädels wie Jane Fonda, Diane Keaton, Candice Bergen. Zwischendurch werden wir vom Flugpersonal immer wieder zum Essen und Trinken animiert, So vergeht die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes „wie im Fluge“. Die wenigen Hopser (Turbulenzen, von Hurrikan Florence verursacht) bemerken wir kaum. Gegen 13.30 Uhr – wir haben die Uhren um fünf Stunden zurückgedreht, also fünf Stunden „gewonnen“, landen wir auf dem kleinen Internationalen Flughafen Halifax.

Frederick orientierte sich schnell und fand gleich den Schalter der Autovermietung. Die Anmietung geht reibungslos vonstatten und kurz darauf sitzen wir in unserem fast neuen Nissan Note. Halifax – wir kommen!
Entfernungen sind in km angegeben, nicht in Meilen. Der Wetterbericht sagt die Temperaturen in Celsius und nicht Fahrenheit an. Das ist schon mal anders als in England/Schottland oder den USA. Viele Verkehrs- und Hinweisschilder sind zweisprachig, also Englisch und Französisch.

Bevor wir im 40 Minuten entfernt liegenden Hotel ankommen, ist noch einiges zu erledigen: Stecker/Adapter für unser elektrisches Equipment kaufen, ein bisschen Obst und Knabbereien für den Abend. Das zieht sich hin, aber endlich erreichen wir die Unterbringung. Sie liegt in einer Straße, die gesäumt ist von bunt angestrichenen Holzhäusern. Es sieht ein bisschen nach Schweden aus, und wir lieben diese Atmosphäre sofort! Das Hotel schockt uns dann doch: ein bisschen schmuddelig, die Einrichtung sparsamst und ziemlich alt. Es erinnert uns an Backpacker-Hotels (für Durchreisende, die sowieso nicht wieder kommen). Es entsprach so gar nicht der Darstellung im Internet. Für 100 Dollar (ca. 70 Euro) inklusive Frühstück hatten wir etwas Besseres erwartet.

Mit unserem Nissan Note in Jeddore

Mit unserem Nissan Note in Jeddore

Commons Inn - Man beachte die vielen Stromkabel

Commons Inn – Man beachte die vielen Stromkabel

Nun ja, wir konnten umsonst am Haus parken und nach Downtown Halifax und zum Hafen sind es nur 20 Minuten zu Fuß. So hat alles seinen Preis. Stella, die Besitzerin des Hotels bietet uns zwei Flaschen Wasser für umsonst an, wenn wir bereit sind, unser Zimmer selbst aufzuräumen und sauber zu halten,. so etwas haben wir auch noch nicht erlebt, nehmen das „sensationelle“ Angebot aber an. Für drei Nächte sollte uns das möglich sein. Außerdem können wir es schwerlich schmutziger hinterlassen als es sowieso schon ist!

2. Tag – Mittwoch, 12. September 
Erkundung von Halifax zu Fuß

Am nächsten Tag – nach dem „mach dir dein Frühstück selbst“ Morgen, also alles in Selfservice Manier mit Plastikmesser und Löffel und Pappbecher. Milch und Orangensaft steht im Kühlschrank bereit, 4 Sorten Kellogg´s – spazierten wir zur Downtown, ins Zentrum von Halifax. Auf dem Weg passierten wir weitere mal mehr, mal weniger schöne alte Häuser und Viertel. Das Potential ist auf jeden Fall vorhanden, ein Schmuckstück an Architektur zu werden. Den Besuch der Zitadelle aus historischen Zeiten, deren oft fotografierter Uhrenturm leider eingerüstet ist, verschieben wir auf später.

Die hübsche, offenbar gerade neu gestrichene Rundkirche St. George, an der wir zufällig vorbeilaufen, erregt unsere Aufmerksamkeit. Vor der Kirche sind mehrere Informationstafeln aufgestellt, die wir interessiert durchlesen. Der Bau dieser Holzkirche begann im Jahr 1800, zum großen Teil dank der finanziellen Unterstützung der britischen Königsfamilie. Prinz Edward, der Herzog von Kent (und Vater von Königin Victoria) hatte sich für den Bau besonders eingesetzt und war wohl auch an der Architektur, dem Design beteiligt. Der Bau der Kirche wurde nötig, weil die Kirchengemeinde wuchs und die kleine deutsche Kirche (Little Dutch Church, erbaut um 1756) nicht mehr genügend Platz bot. Die kleine Kirche liegt nur wenige hundert Meter entfernt, existiert also noch. Sie wurde von deutschen Protestanten (Lutheranern) gegründet, die sich in Halifax niedergelassen hatten.

The "Little Dutch Church"

The „Little Dutch Church“

Die beeindruckende Holzrundkirche St. Charles

Die beeindruckende Holzrundkirche St. Charles

Während wir um die Kirche herumschleichen, um eine offene Tür zu finden, bemerken wir einen jungen Mann, der aus dem Kirchenbüro angestürmt kommt, uns ein Stück nachläuft und dann fragt, ob wir noch etwas mehr wissen möchten und vielleicht noch Zeit für eine Besichtigung hätten. Klar hatten wir das. Jordan – so hieß er – unterhielt uns wohl an die drei Stunden, führte uns in die kleine, alte und restaurierte Kirche, erklärte uns die ganze Geschichte der Gründung, um dann die Besichtigungstour in der Rundkirche fortzuführen und zwar angefangen in der Gruft, wo tatsächlich zwei vor langer Zeit Verstorbene ruhten – und es sehr kalt war – bis zum Glockenturm. Hier kam seine Aufforderung an mich, die Glocke mal zu läuten. Es war aber nicht die volle oder halbe Stunde. Ich traute mich zuerst nicht, am Glockenstrang zu ziehen. Jordan blieb hartnäckig und meinte, die Leute in der Nachbarschaft seien es gewohnt, dass die Glocke zu allen möglichen Zeiten geläutet wird. Also ein zweites, dann drittes Mal kräftig gezogen und schon machte es „Ding“, auf das „Dong“ verzichtete ich dann lieber. Die Tour und die interessanten Erzählungen sowie die politischen Gespräche von und mit Jordan bleiben uns unvergesslich. Natürlich spendeten wir beiden Kirchen ein paar Dollar.

Der "Harbour Hopper", ein amphibisches Ausflugsboot

Der „Harbour Hopper“, ein amphibisches Ausflugsboot

Uhrenturm am Hafen

Uhrenturm am Hafen

Anne mit Jordan Gracie

Anne mit Jordan Gracie

Dann machten wir uns auf ins Zentrum, das eher neu als alt daher kommt, das heißt, Hochhäuser mit funkelnden Glasfenstern, Banken, Büros etc. Hin und wieder ein paar alte Backsteingemäuer, in denen sich nun Pubs und Restaurants mit Flair breit gemacht haben. Was auffällt, ist das Grün in der Stadt. Viele Bäume und kleine Parks sind über die Downtown verteilt. Und dann kamen wir endlich zur Promenade am Hafen, ein gelungenes Meisterstück! Das Wetter ist schön, der Fotograf freut sich über die vielen Motive, die Hafen und Boote so hergeben. Wir bewundern die Boardwalks, die aus Holz gezimmerten am Wasser entlang führenden Fußstege. Das haben wir uns stets für Falmouth in Cornwall gewünscht. Leider fehlte es dort immer am Geld, an Initiative oder sonst was.

Die Verkaufsstände sind in bunten Buden untergebracht, Restaurants und Cafés säumen die lange Promenade. Am South End liegen heute drei Kreuzfahrtschiffe. Gerade dort, wo so viele Menschen von Bord gehen, liegt natürlich auch der Farmers Market, eine riesige langgestreckte Halle mit Ständen aller Art, Kitsch und Kunst, Fress-Meile etc.

Anne, eingerahmt am Hafen von Halifax

Anne, eingerahmt am Hafen von Halifax

Ausflugsboot im Hafen von Halifax

Ausflugsboot im Hafen von Halifax

Am Hafen ist für alle und alles gesorgt. Hier gibt es Platz für Radfahrer, Fußgänger, Segway-Fahrer, Jogger und was sich sonst auf Beinen oder Rädern bewegt, Autos ausgenommen. Eine phantastische Atmosphäre! Das Maritime Museum besuchen wir nicht, da wir schon so viele in anderen Hafenstädten gesehen haben und irgendwo ist ein Limit bei den Eintrittsgeldern: 12 Dollar pro Person.

In den nächsten zwei Tagen zieht es uns immer wieder an den Hafen. Das Wetter meint es weiterhin gut mit uns. Daher fahren wir mal kurz per Fußgängerfähre nach Dartmouth, direkt gegenüber Halifax auf der anderen Seite des Hafens  gelegen, eine Tour von etwa 10 Minuten. Hier geht es deutlich ruhiger zu. So bummeln wir nur die Hauptstraße entlang, einmal rauf und wieder runter, lassen uns in einem Straßencafé einen Kaffee und ein Muffin schmecken und fahren zurück. Der Spaß für die kurze Seefahrt kostete uns – Rentnerpreis – 1,75 Dollar pro Person, hin und zurück.

Kreative Werbung für ein Zahnlabor

Kreative Werbung für ein Zahnlabor in Dartmouth

Biker mit Hündchen im Pilotenkoffer

Biker mit Hündchen im Pilotenkoffer, gesehen in Dartmouth

Dartmouth Fußgängerfähre

Dartmouth Fußgängerfähre

Das einzige Hochhaus in Dartmouth

Das einzige Hochhaus in Dartmouth

So einiges ist hier anders als in Good Old Europe, das bemerken wir immer wieder. Die Lichtschalter sind immer noch diese kleinen altmodischen Schalter, die Toiletten sind beinahe so niedrig wie ein Kinder-Klo. Soll den Stuhlgang erleichtern! In einer öffentlichen Toilette am Hafen folgender Hinweis zwecks Halb- bzw. Vollspülung aus dem Wasserkasten: „Half to be used for liquid waste, full to be used for solid waste“. In Zukunft frage ich meinen Enkel, wenn er aufs Klo muss: liquid or solid?

3. Tag – Donnerstag, 13. September
Kreuzfahrt Terminal

Halifax ist eine der beliebtesten Anlaufpunkte für Kreuzfahrtschiffe in Nordamerika. Während unseres 3-tägigen Aufenthalts waren ständig verschiedene, bis zu vier Schiffe gleichzeitig im Hafen. Das sorgt für eine reine Völkerwanderung in der Stadt. Wir wollten uns das mal näher anschauen und wanderten gezielt Richtung Kreuzfahrerterminal. Hier tobte der Bär. Tausende zumeist ältere Menschen durchstöberten die vielen Läden, den Bauernmarkt, die vielen Fressstände und Restaurants im Terminalbereich. Bei fast 30° waren sämtliche Gartenrestaurants- und Cafés überfüllt. Auf den Punkt gebracht: es war viel los!

Hafenrestaurant

Hafenrestaurant

Gedränge am Kreuzfahrerterminal

Gedränge am Kreuzfahrerterminal

Wir kamen dann am Biergarten einer Hausbrauerei vorbei und beobachteten, wie auf einigen Tischen Holzbretter mit runden Einlässen standen, in denen jeweils kleine, gefüllte Biergläser standen. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass dies Probiergläser waren. Für 10 kanadische Dollar bekam man fünf verschiedene Biere seiner Wahl. „Na, das ist doch genau das Richtige für uns an solch einem heißen Tag“, sagten wir uns. Kurze Zeit später hatten wir ein schattiges Plätzchen gefunden und das erste Brett mit fünf Probiergläsern stand vor uns. Wir waren so durstig, dass ein zweites Brett her musste. Klar kommt man bei einem derartigen Spaß auch mit Tischnachbarn ins Gespräch, die durchweg Passagiere auf den Kreuzfahrtschiffen waren.

Verkostung bei fast 30° in Schatten

Verkostung bei fast 30° in Schatten

Das Probierbrett mit fünf vollen Gläsern im Anmarsch

Das Probierbrett mit fünf vollen Gläsern im Anmarsch

Wie häufig in England ist man auch hier wieder everybody´s „Darling, Honey and Sweetheart“. Das gehört wohl zur Customer Relationship, dem Umgang mit Kunden. Ist aber auch irgendwie sympathisch. Das „Where are you from“, wo kommst du her, hören wir häufig und das Interesse an den German Tourists, also uns, ist groß. „Please give me a hug“, (bitte umarme mich) sagt mir eine Frau, berichtet, dass ihr Nachname Baier ist. Da spielt mit Sicherheit ein deutscher Vorfahr mit hinein.

In diesen paar Tagen gewinnen wir einen recht guten Eindruck von der Stadt, da stets zu Fuß unterwegs. Es kommen etliche Stunden dabei heraus! Vor unserer Abreise aus Halifax erklimmen wir den Hügel zur Zitadelle. Auch diese besichtigen wir nicht von innen, da wir schon so viele Burgen und Forts angeschaut haben. Wir lassen den Eindruck so auf uns wirken, sehen noch den stramm stehenden Soldaten in Uniform mit Bärenfellmütze (bei 28 Grad!) und schauen über die Stadt und über die Dächer, vorbei an den Hochhäusern aufs Meer hinaus.

Halifax Hafenszene

Halifax Hafenszene

Bunte Buden am Hafen

Bunte Buden am Hafen

4. Tag – Freitag, 14. September 
Head of Jeddore

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück checkten wir aus, konnten aber unser Auto noch auf dem Parkplatz stehen lassen. Denn wir wollten nochmals  eine Tour durch Halifax machen. Erst am frühen Nachmittag ging es weiter zur nächsten Unterkunft. Die Jeddore Lodge liegt am Head of Jeddore und dorthin sind es nur 66 km. Nach einer guten Stunde haben wir unser Ziel erreicht. Die Lodge liegt auf felsigem Grund zwar an der Straße, aber auf der Rückseite beschaulich an einem See, der gesäumt ist mit Wald. Die netten Besitzer Star und Brad heißen uns in ihrem wunderschön eingerichteten Zuhause willkommen und zeigen uns unser Zimmer, das im Kolonialstil eingerichtet ist: Holzfußboden, zauberhaft drapierte Gardinen, schönes Sofa, ein paar antike Möbel und Lampen. Auf dem Flur liegt das elegant eingerichtete Bad. Da wir die einzigen Gäste im Haus sind, ist es nur für uns bestimmt.

Unser Zimmer in der Jeddore Lodge

Unser Zimmer in der Jeddore Lodge

Jeddore Lodge

Jeddore Lodge

Der Salmon River, Jeddore

Der Salmon River, Jeddore

Halifax - Head of Jeddore

Halifax – Head of Jeddore

Es ist immer noch sehr warm und wir fahren gleich wieder los, um uns die Gegend anzuschauen. Hier gibt es viele Seen, vereinzelt im Wald stehende schöne Holzhäuser mit großzügigem Umfeld. Frederick möchte zum Clam Harbour, einen Kaffee trinken und auf Boote schauen. Unterwegs halten wir am empfohlenen Freilicht-Museum „Memory Lane“. Hier hat man sich die Mühe gemacht, ein paar alte Häuser, so an die 18 Stück, zusammenzutragen, wieder aufzubauen und im Stil der 1940er Jahre einzurichten und zwar liebevoll! In der alten Schule wurden die Geräusche, die Schulkinder so machen, eingespielt. In der kleinen Kirche erklang die Predigt des Pastors und die gesungene Hymne, in der Schmiede hörten wir Hammerschläge. Wir durften in die Privaträume der Familie Webber schauen, angefangen vom Kinderzimmer mit der Einrichtung der 40er Jahre, über das Elternschlafzimmer, das Wohnzimmer und die Küche bis hin zum Klo. Ein paar Hühner liefen draußen am Haus umher, die Atmosphäre war entspannt und versetzte uns in eine vergangene Zeit. Für diesen Museumsbesuch haben wir gern 12 Dollar für zwei bezahlt.

Anne posiert als Lehrerin in der Schule des Museumsdorfes

Anne posiert als Lehrerin in der Schule des Museumsdorfes

"Memory Lane" Museumsdorf

„Memory Lane“ Museumsdorf

Den Clam Harbour fanden wir trotz längerer Fahrt nicht mehr, lediglich Clam Beach. Ein Schotterweg führte uns zu einem Parkplatz am Strand. Hier spazierten wir eine Weile mit den nackten Füßen im Atlantik, warm genug war es ja noch. Ein paar große Muschelschalen fanden wir auch und nahmen sie mit. Leider wimmelte es am Strand von Mücken, so dass wir uns mit dem schon am ersten Tag in weiser Voraussicht gekauften Mückenspray einsprühen mussten. Danach hielten sich die Viecher fern. Doch ein paar Stiche hatten sie bereits gelandet. Also wer im Sommer oder auch Spätsommer nach Nova Scotia fährt, muss sich auf die Mücken einstellen.

Auf dem Rückweg hielten wir an einem General Store und fragten nach Clam Harbour. Das junge Mädchen hinter dem Tresen meinte:“ Ach das ist nur ein Name für die Gegend hier, nein, kein richtiger Hafen mit Booten“. Ach so. Also tranken wir dort Kaffee und gönnten uns leckere Blaubeerenmuffins.

Zum Abendessen fanden wir uns bei unseren Herbergseltern ein. Das Schild „Open“ stand schon an der Straße, denn Star bietet „Essen für alle“, nicht nur für ihre Übernachtungsgäste an. So machten wir gleich wieder Bekanntschaft mit zwei reizenden Gästen, einer 87 Jahre alten Dame mit ihrem 92 Jahre alten Freund. Sie hatten eine Auszeit von zwei Tagen genommen, kamen aus Halifax. Auch sie kriegte sich kaum ein, dass wir aus Deutschland waren. Sie fand das sehr spannend. Erzählte uns aus ihrem Leben, zum Beispiel, dass sie schon drei Ehemänner unter die Erde gebracht hatte.  Leider auch schon drei ihrer vier Kinder. Wie sich ihr Freund wohl fühlte? Sie ließ sich darüber nicht verdrießen sondern war puppenlustig.

Frederick freute sich über das Dinner „gebratene Scallops“ (Jakobsmuscheln). Ich entschied mich für Lassagne in dieser Fischküchen-lastigen Gegend. Dazu gab es Weißwein und zum Nachtisch teilten wir uns Apple Pie mit Vanilla Ice Cream.
In diesem sehr gepflegten und sauberen Bed & Breakfast schliefen wir bestens. Von der Hauptstraße hörten wir so gar nichts, da am Abend auch kaum Verkehr fließt, obwohl es sich hier offensichtlich um eine touristische Gegend handelt.

5. Tag – Samstag, 15. September
Strandwanderungen

Heute, an unserem fünften Tag, ließen wir es ruhig angehen. Ein leckeres Frühstück erwartete uns: Rühreier mit Schinken, Joghurt, Toast und Marmelade und ein kräftiger Kaffee, der ohne  zu fragen nachgeschenkt wurde.
Brad hatte uns einen heißen Tag versprochen und auf die nahe gelegenen Martinique Strände hingewiesen, zu denen wir dann – wieder war die Zufahrt auf einer Schotterstraße – fuhren. Die Parkplätze waren ziemlich voll, man durfte aber auch entlang der Straße parken. Wir gingen über die Boardwalks (Holzstege) zum Wasser und genossen eine lange Strandwanderung,  bei der wir alle drei Buchten kennenlernten. Es handelt sich hier um mehr oder weniger natürliche Strände, also nicht geräumt von Seetang. Dafür ist der Eintritt frei und ohne Kurtaxe…

Strandläufer im Seetang

Strandläufer im Seetang

Martinique Beach

Martinique Beach

Am Nachmittag fanden wir am Highway 7 tatsächlich auch eine Bäckerei und futterten eine Zimtschnecke. Weil es letztendlich wirklich zu heiß war, flüchteten wir uns in unser B&B, saßen den Nachmittag über am See im Schatten und lasen und schrieben. Auch hier wurden wir von zwei netten Leuten angesprochen, woher und wohin des Weges? Joe und Mary sind aus Virginia, also Amerikaner und entschuldigten sich sofort für ihren Präsidenten! Sie haben in der Nähe ihr eigenes kleines Ferienhaus, eine sogenannte „Lodge“ etwa eine halbe Stunde von uns entfernt. Den morgigen Tag haben sie mit uns verplant, da wir in ihre Richtung aufbrechen. Sie möchten uns aber noch einiges in dieser Gegend zeigen und wir nehmen das Angebot gerne an!

Mary, Joe und Anne im Garten der Jeddore Lodge

Mary, Joe und Anne im Garten der Jeddore Lodge

Blick von unserer Unterkunft über den Jeddore River

Blick von unserer Unterkunft über den Jeddore River

6. Tag – Sonntag, 16. September
Ein Tag mit Freunden

Fremde sind Freunde, denen du bisher noch nicht begegnet bist …
Das traf auf Mary und Joe hundertprozentig zu! Wie besprochen, holten sie uns um 9 Uhr nach dem Frühstück bei unserem B&B ab. Wir verabschiedeten uns von unseren netten Gastgebern Star und Brad und fuhren mit Mary und Joe in Richtung Bedford bei Halifax. Auf dem Weg dorthin machten wir noch Station auf zwei „Farmers Marktets“. Mary und Joe machen das regelmäßig, denn damit unterstützen sie auch die lokalen Erzeuger.

Während der Autofahrt erzählten die beiden ein bisschen aus ihrem Leben mit ihren drei Kindern. Wir teilten viele Ansichten mit ihnen, und es wurde ein interessanter Tag. Joe ist ein Kriegsveteran aus dem Vietnamkrieg, erlitt dort eine schlimme Verletzung, die ihm noch heute zu schaffen macht und ihm das Gehen sehr erschwert. Die Ferienhütte hatten sie vor  14 Jahren gekauft und fahren fast jedes Jahr für zwei Monate im Sommer dorthin.

In Kanada sind – wie in den USA – auch am Sonntag alle Geschäfte bis spät abends geöffnet. Für viele Leute ist daher der Sonntag Haupteinkaufstag, auch für Mary und Joe und so gab es noch ein paar weitere Stopps für kleine Besorgungen. Der sonntägliche Indoor-Markt in Bedford war schon sehr europäisch mit Käseständen, frisch gebackenem Brot, Gemüse und Obst hübsch angeordnet.

Im Anschluss hatten die beiden noch etwas Besonderes mit uns vor: Sie luden uns in ein japanisches Restaurant ein. Es gab Sushi und Sashimi, perfekt für Frederick, aber zum Glück auch Frühlingsrollen und Hähnchenfleisch für mich. Der Höhepunkt war der Nachtisch: schwarzes Eis! Also, eher anthrazitfarben, vom Aussehen gewöhnungsbedürftig, vom Geschmack her unerwartet sehr lecker, vanillig!

Die Lodge von Mary und Joe

Die Lodge von Mary und Joe

Schwarzes Eis beim Japaner

Schwarzes Eis beim Japaner

Der Tag verging so schnell mit diesen beiden interessanten Leuten und ehe wir uns versahen, waren wir auf dem Rückweg zum B&B in Jeddore, übernahmen unser Auto und fuhren Mary und Joe hinterher zu ihrem Cottage am See. Ein zauberhaftes Häuschen, das sie liebevoll renoviert haben, erwartete uns. Kein Wunder, dass sie sich hier für zwei Sommermonate im Jahr einnisteten. Es gab noch einmal Kaffee und Kuchen, dann brachen wir auf Richtung Sherbrooke Village.

Wir sind sicher, dass wir eine Begegnung mit den beiden auf dem Rückweg zum Flughafen haben werden, zwei Menschen, die man einfach gernhaben muss!

Nach einer Fahrtzeit von etwa zwei Stunden entlang der süd-östlichen Küste erreichten wir unser nächstes Etappenziel: das Museumsdorf Sherbrooke Village. Es war kurz vor Dunkelheit, so dass uns anderes übrig blieb, als unser Motel (Sherbrooke Village Inn) ausfindig zu machen und einzuchecken. Gegessen hatten wir genug und so machten wir uns dann noch auf zu einem kurzen Erkundungsrundgang durch den Ort.

Herrschaftliches Haus in Sherbrooke

Herrschaftliches Haus in Sherbrooke

Jeddore - Sherbrooke

Jeddore – Sherbrooke

7. Tag – Montag, 17. September
Museumsdorf Sherbrooke Village

Bei diesem Museumsdorf handelt es sich um Holzhäuser aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die authentisch restauriert wurden und Einblicke in das Leben der damaligen Zeit geben. Ein paar kleine Läden, eine Post, die Schmiede, ein Gasthaus und eine Bäckerei, Kirche und die Schule. Alle Häuser standen auch ursprünglich an den gleichen Stellen. Sie wurden nicht irgendwo abgebaut und hier wieder aufgebaut. Der Ort lebt von seiner Vergangenheit, also den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts, der genau an dieser Stelle am St. Marys River existierte.

Teil des Museumsdorfes Sherbrooke Village

Teil des Museumsdorfes Sherbrooke Village

St. Marys River in Sherbrooke

St. Marys River in Sherbrooke

Es ist ein sehr lebendiges Museum, da die Dorfbevölkerung als Statisten in Lohn und Brot steht. Von Mitte Mai bis Mitte Oktober kann man Sherbrooke Village besuchen. Die Angestellten des Museums sind alle in zeitgemäßer Kleidung, der Black Smith (Schmied) schmiedet das Eisen, solange es heiß ist, im Hutgeschäft wird uns aus alten Zeiten berichtet und bei der Fotografin können wir nicht nein sagen und lassen uns zu einem Foto in historischen Kostümen hinreißen! Und das nicht nur, weil dort die Atmosphäre und Ausstattung so herrlich alt war, sondern weil die Dame mit einer AGFA, einer deutschen Kamera unser Bild schoss, und zwar mit langer Vorbereitung: Glasplatte, Chemikalien, Entwicklung in der Dunkelkammer – sie sagte, dass es nur noch zwei dieser ganz alten Fotografier-Apparate auf der Welt gäbe. Einer davon stand nun hier. Eine halbe Stunde später – so lange dauerte es mit dem Entwickeln – konnten wir unser Schwarz-Weiß-Foto abholen. Netterweise hatte sie noch eines „in Bunt“ mit Fredericks Kamera gemacht! Sie berichtete, dass manche Menschen sich früher nur einmal im Leben so ein Foto beim Fotografen leisten konnten, es kostete an die drei Wochenlöhne. Wir hatten eine gute halbe Minute in völliger Ruhe verharren müssen, damit nichts verwackelt. Nun verstehen wir, warum die Menschen auf den alten Fotos so ernst dreinschauen!

Schön erhaltene historische Registrierkasse

Schön erhaltene historische Registrierkasse

Herrschaftshaus aus dem 19. Jahrhundert

Herrschaftshaus aus dem 19. Jahrhundert

Gerichtssaal aus dem 19. Jahrhundert

Gerichtssaal aus dem 19. Jahrhundert

Frederick auf einem Hochrad

Frederick auf einem Hochrad

Fotografin mit Agfa-Kamera von anno 1850

Fotografin mit Agfa-Kamera von anno 1850

Wir im 1858 Look

Und in Farbe im 1858 Look

Die Original Glasplatten-Aufnahme

Die Original Glasplatten-Aufnahme

Gegen 14 Uhr hatten wir dann alles gesehen. Unsere nächste Etappe war Sydney, ca. drei Stunden mit dem Auto lagen daher noch vor uns.  Sydney liegt nordöstlich auf der Cape Breton Insel. Die Strecke hätte genauso gut in Norwegen oder Schweden sein können, viel Wald, Wasser – ob Seen oder Meer – und vereinzelt die schönen Holzhäuser. Es war die ganze Zeit über sonnig und so machte die dreistündige Fahrt durch die schöne Landschaft richtig Spaß. Gegen 18 Uhr kamen wir bei unserer für zwei Tage gebuchten Unterkunft an, checkten kurz ein und machten uns gleich auf den Weg in die Stadt.

Wir schlenderten zum Kreuzfahrtterminal und dann zurück in die Stadt, wo wir flugs einen urigen Pub fanden (The Governor), in dem viel Betrieb herrschte. Im großen Biergarten war jeder Platz besetzt, obwohl es bereits dunkel war, so dass wir uns im ersten Stock ein schönes Plätzchen suchten. Frederick bestellte ein Lobster-Sandwich, das sich als hervorragend herausstellte – trotz der langen Wartezeit – und ich begnügte mich mit einem Caesar’s Salat. Zwei Glas Pinot Grigio rundeten das Ganze ab.

Zurück im B&B fielen wir geradezu ins Bett – so müde waren wir.

 

Die Berichte über die nächsten beiden Wochen kommen in Kürze.

Kirche von Iona, gelegen auf dem Weg nach Sydney

Kirche von Iona, gelegen auf dem Weg nach Sydney

Sherbrooke - Sydney (NS)

Sherbrooke – Sydney (NS)

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Comments
  • Claus-D. Aßmann
    Antworten

    Hallo Weltenbummler!
    Ich hatte ja noch gar nichts zu Eurem 1. Bericht geschrieben. Muss ich noch schnell nachholen:
    Zu Eurem Hotel in Hallifax fällt mir spontan die Pension in Kiel Friedrichsort ein, die wir auf der Kanal-Radtour
    mit Hantels 2006 (?) gebucht hatten und den Wirt fragten, ob wir die Zimmer ‚mal sehen konnten und der erwiderte:
    Ich dachte, Sie wollten hier schlafen! Okay! Das mit den 2 Flaschen Wasser gg. „Selbstreinigen“ ist schon ein ziemlich
    „dicker Hund“. Ich weiß nicht, wie ich darauf reagiert hätte….
    Imponiert hat mir aber das 5 teilige Probier-Set im Hafenlokal, die Lehrerin Anne im Museumsdorf, die Tankstelle dort
    mit den Oldtimern und die tollen Bilder der Glasplattenfotografin. Das sind doch noch mal Bilder. Ihr seht da aus – insbesondere
    auf dem s/W Foto – wie Eure eigenen Urgroßeltern 1905. Einfach klasse!
    A pros-pos klasse: Ein Kompliment für die Verfasserin dieser Reisbeberichte! Vielfältigkeit in der Wortwahl und diesmal
    sogar ausgesprochen humorvoll kommentiert!
    Den Fotografen zu loben spare ich mir: Der ist von gleichbleibender Qualität und hat dies schon häufiger gelesen.
    Das war’s, was ich noch zum ersten Teil zu sagen hatte!
    l.G. Assi

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