Sopron (Ödenburg)

 In 2016, Ungarn

Freitag, 29. April 2016
Sopron

Heute hieß es Abschied nehmen von der Balaton-Region und Peter Hejja, dem freundlichen Platzbesitzer in Hévíz. Nach dem Frühstück machten wir uns reiseklar, bezahlten unsere Rechnung  und waren kurz darauf bereits auf dem Weg nach Norden Richtung Sopron (Ödenburg) an der ungarisch-österreichischen Grenze. Die Fahrt sollte nur zwei Stunden dauern und führte uns durch das ländliche Ungarn mit besonders vielen, gelb-blühenden Rapsfeldern entlang der Strecke. Das sonnige Wetter tat ein Übriges, uns die Fahrt zu versüßen. Wir hatten einen kleinen Stellplatz ca. 12 km vor Sopron reserviert, aber entschieden uns spontan, direkt nach Sopron zu fahren, um bei dem schönen Wetter den Nachmittag für eine erste Stadtbesichtigung zu nutzen.

Da das längere Parken eines Wohnmobils in größeren Städten häufig recht schwierig ist, waren wir froh, nur etwa 1000 m vor dem Zentrum einen kostenlosen Parkplatz zu finden. Flugs waren wir dann, mit der Kamera bewaffnet auf dem Marsch Richtung Innenstadt. Der erste Eindruck entlang der Route war  bescheiden. Noch viel Renovierungsstau, entwicklungsfähig würde man sagen. Aber dieser Eindruck änderte sich dann vollkommen, als wir den Innenstadtring erreichten. Hier war offensichtlich viel investiert worden und zwar, wie wir das bei unseren Reisen in den osteuropäischen Ländern immer wieder festgestellt hatten, in die Restaurierung, bzw. Wiederherstellung historischer Gebäude. Die Abrissbirne war glücklicherweise hier sichtlich nicht zum Zuge gekommen, fürwahr eine gelungene Stadtsanierung.

Schnell fanden wir die Touristeninformation und deckten uns mit Broschüren und einer Stadtkarte ein. Da die Post ganz in der Nähe war, kauften wir noch schnell einige Karten und schrieben diese dann auf einer Parkbank vor der Post, um dann dort noch die Briefmarken zu kaufen und die Karten einzustecken. Nun ging es auf eine erste Entdeckungstour, die wirklich Spaß machte. Sopron hat noch einiges seiner mittelalterlichen Stadtmauern erhalten und diese teilweise in die spätere Bebauung integriert. So sieht man zum Teil direkt auf der Stadtmauer aufgesetzte Gebäude.

Farbenfrohes Sopron

Farbenfrohes Sopron

Der Feuerturm

Der Feuerturm

Bilder jüdischer Nazi-Opfer über der St. Georgsgasse

Bilder jüdischer Nazi-Opfer über der St. Georgsgasse

Es gibt hier in der Innenstadt eine Reihe von engen, nur als Fußgänger zu begehende Wege und Gässchen, durch die wir uns hindurch schlängelten. Im Zentrum der Altstadt gibt es den Feuerturm, so genannt, weil von in mittelalterlichen Zeiten Wächter von oben beobachteten, ob irgendwo ein Feuer ausbrach, um dann flugs Alarm zu schlagen. Der Turm konnte bis zur Hälfte gegen eine kleine Eintrittsgebühr bestiegen werden. Die Gelegenheit nahmen wir wahr, um bei dem sonnigen Wetter einige Fotos von oben auf die Stadt herab zu schießen.

Büste von Franz Liszt

Büste von Franz Liszt

Statue des Volkshelden Istvan Szechenyi

Statue des Volkshelden Istvan

Haus der ungarischen Kultur

Haus der ungarischen Kultur

Wie zu erwarten, wurden unsere Beine nach einer Weile müde, und wie nicht anders zu erwarten, bedeutete das, in einem Straßen-Café Platz zu nehmen. In der Kuchenvitrine hatten wir „Kardinalschnitten“ erspäht, die wir ja von Traute aus Rabenstein bereits kannten und die uns den Abend bei Inges Geburtstagsfeier versüßt hatten. Gemeinsam mit einem Capuccino eine köstliche Kombination.

Teile der alten Stadtmauer

Teile der alten Stadtmauer

Teile der alten Stadtmauer

Teile der alten Stadtmauer

Teile der alten Stadtmauer

Teile der alten Stadtmauer

Da es hier auch noch kostenloses WLAN gab, hielten wir uns, auch wegen des Sonnenscheins hier eine Weile auf, bevor wir dann zum Parkplatz zurückmarschierten, um den Stellplatz für den Abend in Nagycenk aufzusuchen.

Marode Häuser aus kommunistischen Zeiten

Marode Häuser aus kommunistischen Zeiten

Mariasäule am Burggraben

Mariasäule am Burggraben

Leckere Kardinalschnitten

Leckere Kardinalschnitten

Dort erwartete Herr Ohla, der Besitzer uns bereits. Es war praktisch ein eingezäunter Bauplatz inmitten eines Neubaugebietes, direkt an Rapsfelder angrenzend. Es gab keine sanitären Anlagen, aber Strom, frisches Wasser und Toilettenentsorgung für unsere Chemiekassette. Der Platz wurde durch ein zwei Meter hohes Tor gesichert. Das Tor war mit einem Zahlenschloss versehen, dessen Code Herr Ohla uns gab, so dass wir uns selbst hinein und hinauslassen konnten.

Stellplatz Nagycenk bei Sopron

Stellplatz Nagycenk bei Sopron

Mittelalterliches Klo im Feuerturm

Mittelalterliches Klo im Feuerturm

Heviz - Sopron

Heviz – Sopron

Wir waren die einzigen Gäste auf dem Platz und konnten uns auf eine ruhige Nacht freuen.

Samstag, 30. April 2016
Sopron und Umgebung

Ein ereignisreicher Tag folgt dem nächsten … Das ist Reisen mit dem Wohnmobil!

Auf dem Privatgrundstück der Familie Ohla in Nagycenk, 15 km von Sopron entfernt, haben wir sehr gut geschlafen. Kein Wunder, ist der Platz doch ein eingezäuntes mit Zahlenschloss versehenes Rasenstück am Rande eines neuen Wohngebietes, wir sind umgeben von duftenden Rapsfeldern, rechts und links von uns hübsche, teilweise noch im Bau befindliche Häuser. Zur Zeit versucht Herr Ohla, mit diesem Rasenplatz ein wenig Geld zu verdienen und bietet sein Grundstück über Internet als Stellplatz an: mit Ver- und Entsorgung und Strom, aber weiter nichts. Außerdem steht sein eigener Caravan hier, den er ab und zu mit seiner Familie als Wochenenddomizil nutzt.

Wir wollten Sopron noch einmal besuchen. Es ist eine wahre Museumsstadt! Auf dem Plan stand Nr. 14 aus dem Museumsführer, die Zettl-Langer Sammlung, geöffnet in dem Privathaus von 10 bis 12 Uhr. Oh weh, wir waren sehr spät dran und erreichten das Haus erst gegen 11.30 Uhr! Hinter dem Guss-eisernen schwarzen Tor war ein Schild angebracht: das Museum ist geöffnet, bitte klingeln. Wir taten das dann eher zögerlich, fühlten uns ein bisschen wie Eindringlinge in eine private Welt. Aber jemand  antwortete sofort per Gegensprechanlage und -Sesam öffne dich – das eiserne Tor und die Eingangstür sprangen auf. Ein netter Herr begrüßte uns, führte uns in seine Wohnung und begann, uns über die große Sammlung des Herrn Zettl (der Ur-Ur-Großvater seiner Frau) aufzuklären. Ein wenig hatten wir uns bereits angelesen, zum Beispiel, dass Gustav Zettl (1852-1917) der Erbe einer Spirituosen- und Essigfabrik war. Nur widerwillig fügte er sich in das Leben eines Fabrikanten. Viel lieber aber hätte er sich der Kunst verschrieben, das Malen war eine seiner Leidenschaften. Er war außerordentlich talentiert und Schüler der Wiener Malerakademie gewesen. Seine geschäftlichen Erfolge ermöglichten es ihm, seiner Leidenschaft für Kunst und allem Schönen nachzugehen.

Wir zogen Filzpantoffeln über unsere Schuhe und tauchten ein in die faszinierende Welt eines Kunstsammlers und seiner Nachkommen, von denen die Familie Àgnes Langer heute noch im Hause wohnt und diese Schätze, von den Familien über viele Jahrzehnte bewahrt, weiterhin liebevoll pflegt und betreut.

Seit 1955 ist die Sammlung von Gemälden, Glaskunst, Porzellan, antiken Möbeln, Uhren, Jagdutensilien u.v.m. in unveränderter Form öffentlich zugänglich. Agnes Langer, die Dame des Hauses übernahm dann selbst die Führung durch die Wohnräume. Die Familie bewohnt mit dem 12-jährigen Sohn Moritz das Haus und bewahrt  – gemeinsam mit einem gemeinnützigen Fond – das Erbe. Agnes, eine quirlige sympathische junge Frau versorgte uns mit vielen Anekdoten aus der Geschichte ihrer Familie und erklärte uns viele der Kunstgegenstände und anderes. Wir konnten nur staunen über so viel angesammeltes Wissen, über die wunderbar eingerichteten Räume, die wertvollen Gemälde an Wänden und Decken. Man stelle sich nur einmal vor, mit den Gemälden berühmter Maler aus dem Mittelalter unter einem Dach zu leben. In Agnes Familie wurde immer deutsch gesprochen. Außer deutsch und ungarisch  spricht sie Englisch und Russisch, ein Sprachtalent! Mit ihrer schwungvollen Art riss sie uns mit in die Vergangenheit ihrer Familie, die beste und netteste Museumsführerin, die wir je hatten!

Es war ja Mittagszeit, und wir hatten schon ein schlechtes Gewissen, weil es mittlerweile 13.00 Uhr war und Mann und Sohn doch langsam hungrig wurden! Deshalb „entließen“ wir Agnes schweren Herzens nach dem Rundgang, machten noch schnell ein Schnappschuss-Foto von der Familie, kauften ein paar Ansichtskarten von den schönen Räumen und die Replik eines römischen Öllämpchens. Dann verließen wir Agnes und ihre Familie. Wir fühlten uns reich beschenkt, dort zu Gast gewesen sein zu dürfen. Wir kommen wieder! Es gibt ja noch so viel zu sehen und fragen in diesem einzigartigen Haushalt. Für eine Zusammenfassung der Zettl Langer Sammlung hier klicken

Agnes Langer mit Ehemann und Sohn Moritz2

Agnes Langer mit Ehemann und Sohn Moritz

Zettl-Langer Sammlung Salon

Zettl-Langer Sammlung Salon

Noch ganz im Bann des Erlebten, schlenderten wir noch einmal durch das erst in 2015 neue fertiggestellte Zentrum von Sopron, tranken Kaffee und gingen dann zurück zum Wohnmobil, das wir etwas außerhalb geparkt hatten. Agnes hatte uns noch so einige weitere Empfehlungen mit auf den Weg gegeben, zum Beispiel die Besichtigungen der Städte Györ und Pécs. Dieses Mal ist es nicht zu schaffen, aber sehr gern kehren wir zurück in dieses wunderbare Land, das landschaftlich und geschichtlich so viel zu bieten hat. Außerdem verriet sie uns das Rezept für Quarkknödel, das sie schnell für uns  niedergeschrieben hatte.

Wir hatten noch ein weiteres Ziel für heute, die Gedenkstätte „Paneuropäisches Picknick“, etwa 10 Minuten von Sopron entfernt. Dieser in der Natur eingebettete große Platz an dem heute freien Grenzübergang nach Österreich spielte eine maßgebliche Rolle bei der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland in 1989. Die DDR-Bürger hatten keine Reisebeschränkungen nach Ungarn. Das bot die Möglichkeit, sich mit den Verwandten und Freunden aus dem Westen zu treffen. Wie wir später hörten, war das sehr zum Nutzen der Balaton Region. Hotels und Pensionen waren gut gebucht. Seit 1989 ist es so viel ruhiger geworden und der Konkurrenzkampf ist groß. Im Nachhinein erklärt uns das die günstigen Preise für Essen und Wohnen dort. Einige DDR-Bürger nutzten Ungarn aber auch als Fluchtmöglichkeit in den Westen. Richtig spannend wurde es darum am 19. August des Jahres 1989: das Paneuropäische Picknick an der österreichisch- ungarischen Grenze in der Nähe von Sopron war als Friedensdemonstration geplant. Ein Grenztor sollte symbolisch für drei Stunden geöffnet werden, eine Lücke im Eisernen Vorhang. Um die 700 DDR-Bürger nutzten die kurze Zeit zur Flucht in den Westen. Zu dem Picknick eingeladen hatten Mitglieder des oppositionellen ungarischen demokratischen Forums und die Paneuropäische-Union. Wie ein Lauffeuer und über die Verteilung von Flugblättern hatte sich die Nachricht der kurzen Grenzöffnung bei den DDR-Urlaubern herumgesprochen. Zum Glück reagierten die ungarischen Grenzbeamten besonnen, so dass es zu keinen dramatischen Vorfällen kam. Immerhin galt der Grenzübertritt als illegal. Inzwischen warteten tausende weitere DDR-Bürger auf ihre Chance, über Österreich nach Westdeutschland zu kommen. Nach vielem Hin und Her und politischen Verhandlungen öffnete Ungarn am 19. September 1989 endgültig seine Grenze für DDR-Bürger. Alljährlich finden nun am 19. August an der Stelle des Grenzdurchbruchs Gedenkfeiern statt, da das Geschehen von damals als Meilenstein gilt für das Ende der DDR und für die Wiedervereinigung Deutschlands. Bei schönstem Wetter liefen wir noch eine Weile im Park umher, lasen uns durch die aufgestellten Info-Tafeln und durchlebten – zumindest gedanklich – noch einmal den aufregenden Wandel der damaligen Zeit!

Wir vor dem Denkmal der Grenzöffnung bei Sopron in Ungarn

Wir vor dem Denkmal der Grenzöffnung bei Sopron in Ungarn

Originalwachtturm aus kommunistischer Zeit

Originalwachtturm aus kommunistischer Zeit

Anne schreitet durch die Tür zur Freiheit

Anne schreitet durch die Tür zur Freiheit

Entlang der ehemaligen Grenze, heute eine asphaltierte Straße, brausten Radrennfahrer im Wettbewerb „Zeitfahren“ an uns vorbei. Deshalb wurde den Autofahrern von Polizei und Betreuern der Übergang nach Österreich nicht gestattet, was viele Fahrer frustrierte, weil sie umkehren mussten.

Zeitfahrer bei 60 km pro Stunde eingefangen

Zeitfahrer bei 60 km pro Stunde eingefangen

Weinreben soweit das Auge reicht

Weinreben soweit das Auge reicht

Auf dem Rückweg fuhren wir durch den Ort Balf, der sich recht lang dahin zog: schöne Häuschen mit gepflegten Gärten, kleine Restaurants und Weinschenken. Auf dem Lande sahen wir große Felder von Weinstöcken. Sopron ist eine beliebte Weinregion. Wir folgten einem der Hinweisschilder zu einer privaten Weinkellerei. Auf der engen Straße konnten wir mal so gerade vor dem Haus parken. Ein älterer Herr saß vor dem Haus und schien die Sonne zu genießen. Wir fragten, ob er auf Kunden wartete, was er lachend bejahte. Wir kamen ihm also gerade recht … Auch er sprach sehr gut deutsch, wie so viele hier. Die Erklärung dafür ist sicher die Grenznähe und nur 60 km von Wien entfernt.  Er winkte uns herein und führte uns in den Weinkeller, wo etliche moderne Weinbehälter und auch einige Eichenfässer standen. Gleich bot er uns an, einige Weine zu probieren. Gern nahmen wir an und tranken uns von Weiß über Rosé zu Rot. Inzwischen waren weitere Gäste gekommen. Spezialität der Region ist ein Blaufranken, ein leichter, gut zu trinkender Rotwein. Nach eingehender Beratung kauften wir ein paar Flaschen guten Weines und verabschiedeten uns.

Familienkellerei Fenyes Pince

Familienkellerei Fenyes Pince

Erinnerungsfoto im Weinkeller

Erinnerungsfoto im Weinkeller

Nun war es wirklich Zeit, zu unserem Übernachtungslatz zurückzukehren, da wir grillen wollten. Das Wetter war immer noch sonnig und warm, Frederick schmiss den Grill an und wir konnten eine halbe Stunde später unser Abendessen draußen genießen. Es schmeckte herrlich an der frischen Luft. So viel  Neues gesehen und erfahren, ein toller Tag.

Unser erster Grilltag auf dieser Tour

Unser erster Grilltag auf dieser Tour

Sopron - Paneuropean Picknick - Balf

Sopron – Paneuropean Picknick – Balf

Der ruhige Stellplatz in Nagycenk von Herrn Ohla, mit Blick auf die Rapsfelder und so ganz für uns hatte uns gute Dienste geleistet. Hoffentlich gibt’s den Platz noch im nächsten Jahr, denn es ist ja eigentlich ein Bauplatz, nach dem sich einige sicher sehnen. Morgen früh geht es weiter zum nächsten Ziel, Gmünd in Österreich, nahe der tschechischen Grenze.

Fotogalerie Sopron

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