Coucy-le-Chateau-Auffrique

 In 2017, Frankreich

Dienstag, 19. September 2017
Fahrt durch Gewitter und starken Regen

Wir waren Montag von unserem letzten Stellplatz in Stenay durch die Region Picardie gefahren, wieder begleiteten uns alle Wetter, angefangen bei Sonnenschein, dann heftige Regenschauer bis hin zum Gewitter! Das machte die eher verarmt aussehenden Dörfer nicht gerade schöner. Es sah nach Abwanderung der Jungen aus. Viel Landwirtschaft mit riesigen Ländereien, viel Arbeit – mit Maschinen dann wohl eher.

Ein drohendes Gewitter in der Champagne

Ein drohendes Gewitter in der Champagne

Jetzt hat es uns fast erwischt

Jetzt hat es uns fast erwischt

Erst gegen Abend kamen wir an dem am Fuße einer alten Burg gelegenen Stellplatz in Coucy-le-Chateau-Auffrique an und waren erfreut darüber, dass noch ein Plätzchen für uns frei war. Leider funktionierte der Automat zur Bezahlung der 5€ Übernachtungsgebühr nicht und Frederick musste eine Telefonnummer wählen, die Hilfe in der Not versprach. Monsieur Dumont, der Bürgermeister höchstpersönlich kam innerhalb von Minuten zur Problemzone, verständigte sich mit Frederick auf Französisch und Englisch und fuhr dann noch mal kurz weg, um Schraubenzieher und anderes Werkzeug für eine Reparatur zu holen. In strömendem Regen mit einem Helfer, der den Regenschirm hielt, fummelte er am Kartengerät herum und siehe da, es funktionierte wieder! Wir hatten inzwischen die Größe der Burg erkannt und entschieden, zwei Tage zu bleiben. Der für acht Wohnmobile angelegte Platz ist nagelneu (deshalb funktionierte das Lesegerät auch grad mal wieder nicht …) und bietet außer Ver- und Entsorgung ein WC mit Nummerncode an. Es regnete immer noch, so dass wir für heute Abend auf Ortserkundung verzichteten. Stattdessen richteten wir es uns gemütlich im Wohnmobil ein.

Der Stellplatz in Coucy-le-Chateau-Auffrique

Der Stellplatz in Coucy-le-Chateau-Auffrique

Stenay - Coucy-le-Chateau-Auffrique

Stenay – Coucy-le-Chateau-Auffrique, 187 km Fahrtzeit 2 Std. 20 Min.

Mittwoch, 20. September 2017
Burgbesichtigung

Nach dem Frühstück wanderten wir bei bewölktem Himmel zu den Ruinen des Chateaus hinauf. Die Burg steht dort seit dem Beginn des 13. Jahrhunderts und galt als eine der bedeutendsten Festungsanlagen Europas. Über die vielen Jahrhunderte mit all seinen Kriegen wurde sie dann doch einige Male stark beschädigt, so um 1652 und leider dann im Ersten Weltkrieg von den Deutschen, als der Bergfried (Wohnturm, mehr als 50 m hoch, galt zu seiner Zeit als der weltgrößte Turm) 1917 durch Sprengung zerstört wurde. Ein Wunder, dass Burgmauern und Wehrtürme dennoch allem getrotzt haben, zwar überwiegend als Ruinen, aber immer noch beeindruckend und bewundernswert.

Wir liefen zunächst außerhalb der Burg entlang und durchquerten eine Weide, auf der die Ziegen gerade eine Pause machten. Sie blieben ruhig liegen und störten sich nicht an uns. Da sie spitze Hörner hatten, hatte einer von uns natürlich mal wieder Bammel, durch die Herde zu gehen …

Teil der Burgruine

Teil der Burgruine

Die niedlichen und friedlichen Ziegen auf der Burgwiese

Die niedlichen und friedlichen Ziegen auf der Burgwiese

Innerhalb der massigen Burgmauern befindet sich die Altstadt und Verwaltung des Ortes, der sogenannten Oberstadt (Ville Haute). Coucy-le-Chateau hat etwa 1050 Einwohner. Einige leben in der verschlafenen Oberstadt, wo es eine Kirche, ein Hotel, Restaurant und eine kleine Bar mit Zeitungsladen gibt. Die Häuser fügen sich mit ihren Sandstein-farbenen Mauern und den Schieferdächern perfekt in das Gelände der Burg ein, willkommen im Mittelalter! Das Museum für einen Besuch der Ruinen innerhalb der gewaltigen Anlage war leider erst ab 14 Uhr geöffnet.

Kleines Hotel mit Restaurant in der Oberstadt

Kleines Hotel mit Restaurant in der Oberstadt

Moderne Ferienwohnung in der Stadtmauer

Moderne Ferienwohnung in der Stadtmauer

Wir dachten, dass es wohl doch noch eine größere „Unterstadt“ geben müsste, schließlich lag der Stellplatz an einer großen Schule und wir hatten eine moderne Apotheke und den Bäckerladen gesehen. Fehlanzeige! Nach zwei Stunden Rundwanderung kamen wir durch den unteren Ort und es gab mehr oder weniger nur noch eine Ansiedlung von Häusern und ein kleines Gewerbegebiet. Keine einladenden Cafés oder Bistros zu entdecken. Vielleicht ist es auch schon Saisonende und man begibt sich in den Winterschlaf, oder auch hier Abwanderung, danach sieht es aus. Im Wohnmobil machten wir dann eine Kaffeepause. Das Wetter besserte sich zusehends, so dass wir uns entschieden nochmals auf Entdeckungstour zu gehen und wanderten über Landstraßen zum nächstgelegenen Dorf, Coucy Ville. Ein total verschlafenes Nest, aber mit einer großen Kirche. Die darf in Frankreich nie fehlen.

Das verschlafene Dorf Coucy Ville

Das verschlafene Dorf Coucy Ville

Die imposante Burgmauer - teils restauriert

Die imposante Burgmauer – teils restauriert

Statt dann wieder den gleichen Weg zurückzulaufen, wählten wir einen Wanderweg durch Feld, Wald und Wiesen zurück zur Burg. Wir kauften in der Boulangerie (Bäckerei) Brot und Kuchen (unsere beliebten „Pains-aux-Raisins“) und verbrachten den Rest des Tages mit Lesen vor dem Wohnmobil auf unseren bequemen Stühlen.

Donnerstag, 21. September 2017
Die „Große Kanone“

Lesen ist immer gut und so erfuhren wir noch ein bisschen mehr über den Ort: Vor dem Ersten Weltkrieg war Coucy ein viel besuchter Ort, hatte er doch Bahnanschluss (zwei Stationen) und transportierte nicht nur die Touristen, die sich für die Burg interessierten, sondern auch Güter für die nahe gelegenen Fabriken. Da muss es doch einmal viele Arbeitsplätze gegeben haben und der Ort deutlich lebendiger gewesen sein. Der 1. Weltkrieg veränderte alles. Ende 1914 begannen deutsche Soldaten, eine riesige Kanone versteckt im Wald aufzubauen. Für den Transport der Einzelteile wurde ein weiteres Schienennetz verlegt und gewaltige Erdbewegungen unternommen. Denn die „Große Kanone“ (17 Meter lang, 70 Tonnen schwer, Reichweite etwa 40 km!) benötigte eine Gefechtsstellung aus Beton. Ca. 200 Männer arbeiteten sechs Monate an diesem Projekt. Man wollte die umliegenden Städte bombardieren, die am Nachschub für die französische Front beteiligt waren. Am 14. Juni 1915 wurde die Stadt Compiégne bombardiert und die Innenstadt getroffen.

Kriegsdenkmal in Coucy-le-Chateau

Kriegsdenkmal in Coucy-le-Chateau

HOCHLADEN 1 / 1 – Gefechtsstellung der großen Kanone.jpg ANHANG-DETAILS Gefechtsstellung der großen Kanone

Gefechtsstellung der großen Kanone

Attrappe der 750 kg schweren Granate für die "Große Kanone"

Attrappe der 750 kg schweren Granate für die „Große Kanone“

Vier Tage später war der geheime Platz der Kanone durch Luftaufklärung ausgemacht durch George Guynemer, einer der bekanntesten Kriegspiloten Frankreichs. Die Deutschen waren gezwungen, ihre Taktik der Kriegsführung zu ändern und betrieben die Politik der „verbrannten Erde“, nichts zu hinterlassen, was dem Feinde hätte nützlich sein können. Telefonleitungen und Maschinen wurden abgebaut, Schleusen und Brücken wurden zerstört, Land wurde überflutet. Am 20. März 1917 fand die Zerstörung der Stadt Coucy-Le-Château statt, nachdem die Bevölkerung evakuiert worden war. Mit 28 Tonnen Dynamit wurde die Burg gesprengt. Mit diesem Hintergrundwissen wird einem natürlich klar, weshalb der Ort heute so klein und verschlafen wirkt. Er wurde nie wieder zu seiner vollen Größe aufgebaut. Wir waren nun doch neugierig genug, um den Rundweg zur Gefechtsstation der ehemaligen großen Kanone zu machen, die ziemlich versteckt im Wald liegt. Der Weg dorthin ist ausgeschildert mit Erklärungstafeln. Ein eher bedrückender Weg unter bewölktem Himmel. Da standen wir nun beide und schauten auf den riesigen betonierten Gefechtsstand und wünschten uns nie wieder Krieg.

Zurück am Stellplatz, ent- und versorgten wir unser Wohnmobil und machten uns dann auf zu unseren nächste Etappe, der Stadt Bouvais, die wegen ihrer riesigen Kathedrale in Frankreich berühmt ist.

Tabakanbeu in der Region Picardie

Tabakanbau in der Region Picardie

Coucy-le-Chateau-Auffrique - Beauvais

Coucy-le-Chateau-Auffrique – Beauvais

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Comments
  • Helga u. C.-D. Aßmann
    Antworten

    Hallo Dethleffs!
    Habt Ihr es also wieder geschafft: Frankreich hat Euch wieder!
    Und wieder geht es um entgangene Gelegenheiten, sich mit Hingabe der guten französischen Küche zu widmen.
    Aber diesmal gibt es wenigstens anständigen Weinbrand, ein gutes Bier. Schade nur, dass Ihr den Federweißen
    nicht gnießen konntet. Frankreich, das Land der Entbehrungen für deutsche Wohnmobilisten?
    Dafür aber immer tolle Stellplätze mit Ver-und Entsorgung zu günstigen Preisen – das entschädigt für entgangene
    Gaumenfreuden!
    Das Erkunden der Städte, Landschaften, Burgen und Schlösser ist prinzipiell eine tolle Sache. Die Intensität,
    mit der Ihr beide das betreibt, ist bewunderswert. Man könnte meinen, Ihr werdet getrieben.
    Für mich wäre das Programm zu anstrengend. Da würde mir die Lust am Reisen genommen.
    Es ist wahrscheinlich der Reiseart geschuldet. Das Wohnmobil gestattet ja tatsächlich, an (fast) jedem gewünschten
    Ort die Reise zu unterbrechen und seiner Neugierde auf schöne Plätze nachzugehen. Es scheint aber auch eine Art
    Verpflichtung unterschwelliger Art zu existieren, das Gefährt auch intensiv in dieser Art zu nutzen – wenn man es schon
    für teures Geld dafür angeschafft hat.
    Und wenn Ihr dann noch allabendlich die Reiseberichte in diesem Umfang fertigen „müßt“, artet es auch noch im Arbeit aus.
    Ihr seid wirklich nicht zu beneiden.
    Nachdem ich Euch nun (möglicherweise) runtergezogen habe, möchte ich Euch auch schnell wieder hochziehen:
    Eure Berichte gehen immer sehr in die Tiefe der Materie, klären auf und erweitern so den Horizont der Daheimgebliebenen.
    Und als Freund guter Fotografie kann man sich an den schönen Bildern immer wieder erfreuen. Heute gefallen mir die
    Bilder von den aufziehenden Unwettern besonders gut!
    Ich wünsche Euch weiterhin viel Freude, uns immer interessanten Lesestoff und schöne Bilder!
    Liebe Grüße aus der Heimat,
    Assi

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