Carpentras

 In 2017, Frankreich

Mittwoch, d. 19. April 2017

Etappenziel für heute war die Stadt Capentras in der Provence, ca. 40 km östlich von Avignon. Auf dem Weg dorthin wurde die Landschaft immer schöner, mit Weinfelder, Olivenhainen und großen Lavendelfeldern. Allerdings blühte der Lavendel noch nicht. Das geschieht erst ab Juni

Dorf in der Provence

Der schöne Ort Sablet in der Provence

Zu Reichtum verhalfen die Salinen der Region. Durch sie vertieften sich die Handelsbeziehungen mit der Schweiz, Belgien, Holland und Deutschland.  Im 5. Und 6. Jahrhundert wurden Klöster gegründet und der Weinanbau wurde verstärkt. So erlebten wir eine sanft geschwungene Landschaft mit riesigen Anbauflächen für Wein, aber auch Getreidefelder, Wiesen für die Kühe. Schwarzbunt sind diese hier nicht, eher braun und beige.

Wir fuhren durch verwunschene alte Dörfer, an großen in voller Blüte stehenden Rapsfeldern vorbei und sahen in der Ferne die Bergkette der westlichen Alpen. Im Winter ein traumhaftes Skigebiet, bietet es im Sommer Wege für Rad- und Wandertouren, Kletterer werden ebenso bestens bedient mit praktisch senkrechten Felswänden! Da kann man sich vorstellen, dass auch Paraglider sich in diesem Gebiet einfinden. Weiter ging es durch die Provence. Wir kamen an den berühmten Lavendelfeldern vorbei, die ja leider erst im Sommer blühen. Die riesigen Felder wechselten sich ab mit Olivenhainen und Weinreben, auch jetzt ein schöner Ausblick.

Lavendelfeld - noch nicht in der Blüte

Lavendelfeld – noch nicht in der Blüte

Olivenhain in der Provence

Olivenhain in der Provence

Die Ortschaften hatten mehr und mehr südliches Flair. Wie vorab schon erwähnt, meine ich mit dem typisch Französischen an den Häusern: schmiedeeiserne Balkonbrüstungen, bunte Fensterläden, sanfte Farben. Insgesamt dauerte unsere Tour von 400 km ca. sechs Stunden, für mich mehr als genug! Auf halber Strecke hatten wir eine Pause eingelegt und bemerkten beim kurzen Beine vertreten, dass auch hier ein kalter Wind uns begleitete, 12 Grad bei blauem Himmel und Sonnenschein!

Ankunft in Carpentras am Stellplatz für Wohnmobile vor dem Campingplatz um 17 Uhr, das war knapp! Gerade noch ein Plätzchen von insgesamt neun frei für uns und wieder kostenlos. So ist es bei den Wohnmobilreisenden, frühes Kommen sichert die besten Plätze. Meist wird es am Abend immer schwieriger, noch etwas zum Übernachten zu finden. Kühl war es aber auch hier mit gerademal 16 Grad. Frederick vertröstete sich und mich auf die folgenden Tage.

Stellplatz Carpentras

Stellplatz Carpentras

Bourg-en-Bresse - Carpentras

Bourg-en-Bresse – Carpentras

Alte Stadtmauer

Alte Stadtmauer in Carpentras

Carpentras ist nur 40 km von Avignon, unserem nächsten Ziel, entfernt. Obwohl es schon so spät war, wollten wir uns einen ersten Eindruck vom Ort verschaffen und liefen ca. 25 Minuten ins Zentrum. Es war so gut wie gar nichts los, im Touristenbüro, wo man Englisch sprach, erhielten wir einen Stadtplan und eine Broschüre. Die Innenstadt ist durchzogen von kleinen engen Gässchen, vielen Fußgängerzonen und überall Platanen, die in der Hitze des Sommers Schatten spenden.  Ein deutlich südländisches Flair!

Eine der engen Gassen

Eine der engen Gassen

Gallerie Boyer in Carpentras

Gallerie Boyer in Carpentras

Typische Architektur in Carpentras

Typische Architektur in Carpentras

Wir kamen vorbei an sehr hohen und sehr alten Häusern, alle in dem ocker des Sandsteins gestrichen, also kein Fachwerk, eine andere Bauweise eben. In den vielen Brunnen der Stadt sprudelte noch kein Wasser, vielleicht hat die Saison noch nicht Einzug gehalten.

Von der langen Fahrt müde, wurde es Zeit für die Rückkehr zum Wohnmobil, fürs Abendessen und einem gemütlichen Ausklang des Tages.

Donnerstag, d. 20. April 2017

Kein Internet heute Morgen! Nichts geht mehr, stellt Frederick fest! Trotz der gerade für 40 Euro eingekauften Sim-Karte, also beschließen wir, den Orange Telefonshop aufzusuchen und um Rat zu fragen. Zunächst auf Französisch (ein Glück, dass Frederick´s Sprachkenntnisse noch recht gut sind), dann, als es komplizierter wird, doch auf Englisch, das die junge Dame recht gut versteht und spricht. Wir stellten fest, dass wir unsere gekauften 6 GB innerhalb von gerade mal zwei Tagen restlos verbraucht hatten. Ohne Internet geht es aber gar nicht. Sonst würdet ihr ja keine Reiseberichte lesen können.

Nach dem nochmaligen Einsatz von 40 Euro gehen wir – über einen kurzen Besuch im Touristenbüro – erst mal zum Wohnmobil zurück, um zu checken, ob jetzt alles wieder funktioniert. Ich möchte denselben Weg nehmen, Frederick entscheidet für „nach Nase, eine Abkürzung“ und prompt verlaufen wir uns in einem Gewirr von Straßen mit recht netten Wohnhäusern. Menschen sehen wir keine und das Fehlen von Gartenanlagen lässt auf die heißen Sommer in dieser Region schließen, es gibt eigentlich nur Bäume und Sträucher.

Nicht was es scheint. Diese Wand wurde einfach genial bemalt

Kriegsdenkmal

Kriegsdenkmal

Schlanke hohe Häuser

Schlanke hohe Häuser

Endlich jemand in Sicht: die Postlerin auf einem Mofa, die muss wissen, wo der Campingplatz liegt – und richtig, sie erklärt uns mit Handzeichen und auf Französisch den Weg. Insgesamt hatte alles nur ein wenig länger gedauert, macht nichts, wir wollen ja sowieso immer laufen, laufen, laufen ….

Leider war die Sache mit dem Internet aber noch nicht ausgestanden. Als wir im Wohnmobil die Verbindung wiederherstellen wollten, streikte der mobile Router. Die Verbindung brach jedes Mal nach dem Einschalten sofort wieder ab. Keine Chance, das wieder hinzubekommen. Frederick hatte dann die Idee, die Daten-Sim-Karte in mein iPhone zu stecken und damit einen sogenannten Hotspot zu schaffen und Überraschung: es funktionierte. Sowohl Fredericks iPhone als auch das Notebook hatten jetzt eine schnelle Internet-Verbindung. Trotzdem bestellten wir bei Amazon Frankreich noch einen neuen Router, der uns am Mittwoch auf dem Stellplatz in Avignon zugestellt wird.

Nun war es doch wieder recht spät für intensivere Stadterkundung geworden, trotzdem liefen wir noch einmal mit dem Stadtplan in der Hand los. Inzwischen hatten wir herausgefunden, dass jeden Freitag ein Markt im Zentrum ist. Die Märkte sind in Frankreich immer toll, das Angebot ist groß, wie wir aus den früheren Jahren wissen. Da hatten wir also noch etwas Schönes vor uns. Nun schauten wir uns die großen historischen Gebäude der Stadt an: die Cathédrale St. Siffrein, Hotel-Dieu, das Rathaus und die erstaunliche Einkaufspassage Boyer. Sie ist mit Glas überdacht, und das bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Das ist dem Goldschmied Jean Boyer aus Carpentras zu verdanken. Mehrere Wohnungen waren abgerissen worden, und zwei Reihen neugebauter mehrstöckige Häuser bildeten die Geschäftsstraße. Während die oberen Räume vermietet wurden, entstanden unten kleine Geschäfte.

Zu bewundern sind auch noch Teile der alten sehr hohen Stadtmauer und ein Turm, der leider nicht bestiegen werden kann. Aber die Synagoge, ein von außen schlichtes Gebäude, kann man zu bestimmten Zeiten besichtigen. Das nahmen wir uns für Freitag vor. So war auch dieser Tag ohne Langeweile vergangen.

Freitag, 21. April 2017

Gut ausgeschlafen auf diesem ruhigen Platz, wenngleich auch dicht an dicht mit anderen Wohnmobilen, auf einem geteerten Parkplatz, starteten wir nach spätem Frühstück in die Stadt. Man nimmt schon einiges in Kauf, solange die Stellplätze fußläufig erreichbar sind. Wir hatten unsere Fahrräder dieses Mal ja nicht dabei. Am schönsten steht man natürlich auf Gras mit viel Platz für Tisch und Stühle, diese Art von Urlaub lag ja noch vor uns, weiter westlich, in Avignon. Wir wollten unbedingt dorthin, Süden in den Blicken, wie Peter Maffay singt. Noch mehr Sonne ….

Marktathmosphäre in Carpentras

Marktathmosphäre in Carpentras

Fast verdeckter Hauseingang

Fast verdeckter Hauseingang

Wir liefen den üblichen Weg und kamen an den großen Parkplatz, der sich in einen riesigen Markt verwandelt hatte. Es ist wohl der größte, den wir bisher erlebt haben. Nichts, was es nicht gab, wurde angeboten, also alles! Keine Zeit zum Bummeln, wir wollten noch den letzten Einlass, 11.30 Uhr in die Synagoge schaffen, vor der Mittagspause dort. Auf die Minute klingelten wir an der Tür.

Die Museumsführerin öffnete und schwankte zwischen Freundlichkeit und Abwehr, waren wir zu spät? Sie erklärte auf Französisch, dass man Gruppen ab 10 Personen führte, wir waren nur drei, ein weiterer Besucher hatte sich dazugesellt, ein Franzose. Dann öffnete sie kurz entschlossen die Tür und ließ uns ein, Eintritt 5 Euro pro Person.

Open-Air Bühne im Kulturzentrum

Open-Air Bühne im Kulturzentrum

Winziger Kreisverkehr in Carpentras

Winziger Kreisverkehr in Carpentras

Die Juden kamen bereits im ersten Jahrhundert in die Provence. Im 13. Jahrhundert gewährten viele Städte und ländliche Gegenden Wohnungen für jüdische Gemeinden. Das war ein sehr früher Zeitpunkt, wenn ich daran denke, dass sich in unserem Glückstadt dank dem Dänenkönig König Christian IV. jüdische Familien erst ca. 1620 angesiedelt hatten. Die jüdische Religion erforderte Kenntnisse des Lesens und Schreibens. So übten viele Berufe der Gelehrten aus.  Ca. 1306 wurden unter der Regentschaft von Philippe le Bel Juden aus dem Königreich Frankreich verbannt. Erst Papst Clement V. (verlegte 1309 wegen politischer Unruhen die päpstliche Residenz ins nahe Avignon) entschied, jüdische Familien innerhalb der päpstlichen Grenzen, im Comtat-Venaissin, wieder siedeln zu lassen.

Der schlichte Eingang der Synagoge

Der schlichte Eingang der Synagoge

Gut erhaltener Wehrturm

Seit 1850 ist dafür der Ausdruck bekannt: Die Juden des Papstes. Jedoch war das Leben unter dem päpstlichen Reglement sehr limitiert. Die Juden wohnten in Ghettos, wurden abends eingeschlossen und mussten ein Erkennungszeichen an der Kleidung tragen. Der Zugang zu vielen Berufen war ihnen verwehrt. So blieb vielen nur übrig, als Geldverleiher, mit Handel aus zweiter Hand tätig zu werden. Die Ghettoisierung in Carpentras lässt sich für das 15. Jahrhundert nachweisen. Zu der Zeit lebten mehr als 1000 Menschen hier auf sehr engem Raum, deshalb gibt es die so hohen Häuser, wie uns die Museumsführerin erklärte, wie in New York, meinte sie lachend. Man musste also hoch hinaus bauen.

Eine Synagoge mit Schul- und Kultraum gab es seit 1367. Die heutige steht am Place Maurice Charretier. Hier kann man den großen barock eingerichteten Gebetsraum von 1745 bewundern. Da man hier nicht höher bauen durfte, wurde die Decke in Himmelsblau gestrichen und mit Sternen versehen. Sehr schön! Im Keller befinden sich das Mikvé (Ritualbad), Schlachterei und koschere Bäckereien. Ein mit Stufen versehener Abgang im Keller führt 10 Meter in die Tiefe und man schaut in das klare grünlich schimmernde, angestaute Grundwasser. Wir lernten, dass die Synagoge gleichzeitig ein Ort für Betende ist als auch ein sozialer Treffpunkt für die Gemeinde und ein Studienraum für beide, Erwachsene als auch Kinder. Die Synagoge von Carpentras ist die älteste Frankreichs und wird weiterhin besucht von Gläubigen.

Am Ende der Besichtigung, während der uns die Dame auch viel auf Englisch erklärt hatte, ließ sie uns ein Stück der Matze (ungesäuertes Brot) probieren. Zur Erinnerung an den biblisch überlieferten Auszug aus Ägypten der Isrealiten wird es während der Pessach-Woche gegessen. Gemäß der Überlieferung in der Tora blieb den Flüchtenden beim Aufbruch keine Zeit, den Teig für die Brote säuern zu lassen, die Backzeit dauert nur 18 Minuten. Da es nur aus Wasser, Mehl und etwas Salz besteht und sehr dünn ausgerollt wird, ist es ein bisschen wie Knäckebrot. Leider durfte nicht fotografiert werden.

Die Besichtigung hatte dank der vielen interessanten Einzelheiten doch länger gedauert als erwartet. Nun wurde es Zeit für den Markt, der sich nicht nur auf die Region am Parkplatz beschränkte, sondern über die ganze Stadt verteilt war. Eine halbe Stunde hatten wir noch Zeit, denn um 13 Uhr war Schluss, einige Händler waren schon am Einpacken! Wir waren froh, noch ein paar frische sonnengereifte Tomaten und Erdbeeren zu bekommen und spazierten durch die gut besuchte Stadt zurück zum Wohnmobil.

Pause vom Gehörten und Erlebten mit Kaffee und Pain-au-Raisins (Rosinenschnecke) und dann doch noch mal los zum Campingladen, der eine halbe Stunde von uns entfernt lag. Mal schauen, was es da so gab. Unterwegs zum Beispiel die Bonbon-Fabrik Berlingot, über die ich zwar gelesen aber keine Ahnung hatte, wo sie wohl war. Nun liefen wir direkt hier vorbei, da gab es natürlich kein (An-)halten für mich und Frederick musste mit! Die Fabrik stammt aus dem Jahr 1946, der Laden ist liebevoll eingerichtet und bietet alle möglichen Zuckerwaren an, ähnlich der Bonbon-Fabrik in Eckernförde, noch nicht gesehen? Dann mal hin, wirklich sehr interessant, besonders für Kinder! Per DVD sahen wir der Herstellung von Nougat zu, einem weißen Schaum aus Honig und geschlagenem Eiweiß mit vielen Nüssen darin. Endlich kauften wir das auch einmal, ich wollte es immer schon mal probieren, wie Türkischer Honig, lecker! Eine Tüte bunter Bonbons musste auch noch mit, ein Foto von der niedlichen Einrichtung gemacht und weiter ging es.

Firmenschild der Firma Berlingot

Firmenschild der Firma Berlingot

Der schön gestaltete Ausstellungsraum der Fa. Berlingot

Ach, auch hier gibt es Lidl und gleich daneben Aldi! Da könnten wir uns gleich morgen mit neuem Proviant versorgen, wenn wir weiter nach Avignon fahren.

Auf dem Parkplatz des Camping-Zubehör-Betreibers standen etliche neue Wohnmobile herum. Da die Türen alle offenstanden, warfen wir neugierig einen Blick hinein. Es ist immer interessant, wie unterschiedlich Hersteller einrichten und Problemlösungen finden. Ein Bummel durch den Laden verführte uns aber nicht zum Kauf, eigentlich haben wir alles, was wir für eine Tour brauchen, nach vier Jahren Reiseerfahrung bestens ausgestattet …

Heute blieb die Küche kalt – zum Abendbrot gab es sonnenverwöhnt gereifte Tomaten, Baguette und sensationell gut schmeckende Erdbeeren!

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Comments
  • H. und C.-D. Aßmann
    Antworten

    Hallo Frederix und Annix!
    Wieder in Frankreich angekommen! Das Schicksal von dem frühen Vogel, der allein den Wurm fängt, teilt Ihr Wohmobilisten mit den Berufskraftfahrern.
    Auch die müssen sich am Abend sputen, wenn sie einen Parkplatz für die Nacht kriegen wollen. Allerdings stehen die Jungs zusätzlich noch unter Zeitdruck – da geht es Euch ja besser….meistens! Wenn man nicht gerade und unbedingt eine Synagaoge besuchen will, aber gleichzeitig auch gerne über den Markt bummeln möchte.
    Landschaftlich liegen unsere Vorlieben wohl etwas auseinander: Ich habe es lieber gebirgig, Ihr offenbar mehr die sanften Erhebungen bzw. das flacherer Land.
    Wir, die wir Eure Reiseberichte lesen können, wissen von nun an zu schätzen, welchen (..auch finanziellen) Aufwand Ihr treiben müßt, um die Berichte zu gewährleisten.
    Da bleibt uns doch nur, uns zu bedanken!
    Auch für die schönen Bilder von Stadt, Land und biertrinkenden Nordgermaninnen – um mit Asterixmus zu enden.
    Viel Spaß noch in Avignon. Und dann macht Euch mal langsam wieder auf die Socken….der Kaiser-Wilhelm-Kanal wartet auf Euch!
    L.G. Helga und Assi

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